Pädagogischer Dienstag: Frühzeitige Einschulung, JA oder nein, Teil 4

Das Thema „Frühzeitige Einschulung, ja oder nein“ bestimmt die Pädagogischen Dienstage des Monats November.

Ich freue mich, dass ich diese und nächste Woche die Antworten von Eltern präsentieren kann, die sich die Frage in Bezug auf ihre Tochter stellten . Dies ist mir wichtig, da ich auf keinen Fall den Eindruck erwecken möchte, eine mögliche frühzeitige Einschulung sei ein typisches Jungs-Phänomen. Die Eltern, die heute meine Fragen beantworten, haben sich erst gegen einen frühzeitigen Kindergarteneintritt ihrer Tochter entschieden, und dann für eine frühzeitige Einschulung.

Ich bin dieser Familie noch nie persönlich begegnet. Das Mami habe ich im Swissmomforum kennen und schätzen gelernt, als unsere Ältesten noch ganz kleine Babys waren. Nach einer Zeit mit intensivem Austausch im Forum stehen wir heute in sporadischem Mailkontakt, und ich freue mich sehr, dass sie sich bereit erklärt hat, meine Fragen zu beantworten!

2015-11-03 10.55.04

Anstoss

  1. Aus welchen Gründen wurde die frühzeitige Einschulung eures Kindes ein Thema?

Wir haben unsere Tochter aufgrund ihres knappen Geburtstages (17.07 und Stichtag 31.07) für den Kindergarten zurückbehalten. Bei uns im Thurgau muss man sich bis 31.01 bereits für oder gegen den Kiga-Eintritt entscheiden. Zu diesem Zeitpunkt war unsere Tochter sozial noch absolut nicht kindergartenreif. In dem weiteren Jahr zu Hause hat sie einen kleinen Bruder bekommen, mit dem Schwimmkurs angefangen und ist weiter in die Spielgruppe, ins Ballet und ins Singen gegangen. Und doch war ihr langweilig. Bereits im Herbst haben wir unseren Entschluss bereut und ein ziemlich mühsames Jahr hinter uns gebracht.
Bereits vor dem Kiga-Eintritt hat sie sich selber Lesen und Schreiben beigebracht und war kognitiv im Kindergarten von Anfang an unterfordert.

  1. Wer hat das Thema zuerst angesprochen (Eltern, Kindergärtnerin, Kind, aussenstehende Person, Fachperson wie Schulpsychologe, Heilpädagogin,…)?

Die Kindergärtnerin und wir Eltern beim ersten Kindergartengespräch nach den Herbstferien. Wir liessen ihr aber noch bis im März Zeit, sich zu entwickeln. Im Nachhinein sind die Kindergärtnerin und wir Eltern uns einig, dass wir sie besser bereits im Januar in den grossen Kindergarten geschickt hätten.

  1. Zu welchem Zeitpunkt wurde die frühzeitige Einschulung ein Thema?

Nach dem ersten Quartal im Kindergarten.

Entscheidungsfindung

  1. Welche Aspekte habt ihr bei der Entscheidung berücksichtigt (z.B. in den Bereichen Entwicklung, Umfeld, Zeitpunkt,…)?

Zum einen ganz klar die soziale, kognitive und auch die körperliche Entwicklung. Wo steckt sie im Kindergarten, an wem orientiert sie sich, mit wem spielt sie, wie geht sie mit Rückschlägen um, ist sie kritikfähig, wird sie schnell müde, mag sie körperlich gut mit und wie verhält sie sich zu Hause. Wie wem würde sie in Fall A und mit wem würde sie in Fall B zur Schule kommen, würde sie Freunde verlieren etc.

  1. Wer wurde alles in die Entscheidungsfindung miteinbezogen?

Kindergärtnerin, Schulleiter und Schulpsychologe

  1. Bei wem habt ihr euch Rat geholt?

Kindergärtnerin und Schulpsychologe

  1. Habt ihr das Kind in die Entscheidungsfindung miteinbezogen? Wenn ja, wie?

Wir haben sie gefragt, als es im Frühjahr wirklich zum Thema wurde. Sie wollte in die Schule. Aber ihr und auch uns Eltern war wichtig, dass sie für die Entwicklung noch den Schritt von der Raupe (kleiner Kiga) zum Schmetterling (grosser Kiga) gemacht hat. Dies hat ihr dann nochmals einen richtigen Windstoss nach vorne gegeben.

  1. Was sprach aus eurer Sicht für eine frühzeitige Einschulung?

Die kognitive Entwicklung und die Langweile mit den kleinen Kindergärtnern.

  1. Was sprach dagegen?

Wir waren uns bezüglich der sozialen Reife etwas unsicher.

  1. Wir wurdet ihr unterstützt durch Kindergarten und Schule?

Durch mehrere Gespräche mit der Kindergärtnerin und dem Gutachten des Schulpsychologen und der Logopädin und SHP (Schulische Heilpädagogin).

  1. Habt ihr etwas vermisst, das euch die Entscheidung leichter gemacht hätte?

Ganz klar nein!

Die Entscheidung

  1. Gab es ein bestimmtes Kriterium, das den Ausschlag für die Entscheidung gegeben hat? Wenn ja, welches?

Eigentlich nicht. Der Fall war für uns im Frühling total klar. Sie war unterfordert, und ihr Wissenshunger sehr gross. Ein weiteres Jahr im Kiga hätte ihr nicht gut getan.

  1. Falls es kein bestimmtes Kriterium gegeben hat: Welche Summe an Kriterien haben zum Entscheid geführt?

Kognitive Entwicklung, Verlust der Gspänli vom Kiga, welche alle in die Schule gekommen sind (sie wäre im zweiten Jahr ziemlich einsam gewesen, da sie mit den jüngeren Kindern nicht viel anfangen konnte), Langeweile und nicht ausgepowert sein trotz Kiga und Hobbies.

  1. Wart ihr euch als Eltern einig?

Ja, immer.

  1. Waren Eltern, Kindergärtnerin und andere Fachpersonen sich einig?

Ja, es waren sich alle einig.

  1. Wer hat den definitiven Entscheid gefällt?

Wir Eltern mit der Kindergärtnerin, und das Okay kam vom Schulpsychologischen Dienst (ist im Thurgau ein Muss).

Nach der Entscheidung

  1. Wie geht es eurem Kind jetzt?

Sie ist jetzt seit dem Sommer in der ersten Klasse und sie geht sehr gerne zur Schule. Sie hat Freunde gefunden und neben der Schule noch genügend Zeit und Power für Hobbies.
In gewissen Fächern kann sie mit den Zweitklässlern arbeiten (Lesen und Sprache) und im mathematischen Bereich mag sie tiptop bei den Erstklässlern mit.

  1. Welche positiven Auswirkungen seht ihr aufgrund der frühzeitigen Einschulung?

Sie wird in der Schule gefordert und darf endlich richtig lernen.

  1. Welche negativen Auswirkungen seht ihr?

Teilweise merkt man bei uns im Doppelklassen-System mit teils 2.5 Jahre älteren Kindern die soziale Reife in Konfliktsituationen.

  1. Das Thema „frühzeitige Einschulung“ wurde aus bestimmten Gründen aktuell (s. Punkt 1). Hat sich in diesen Punkten etwas geändert?

Nein es hat sich diesbezüglich nichts geändert.

  1. Wenn ihr zurückschaut: Gibt es einen Aspekt, den ihr aus heutiger Sicht stärker berücksichtigen würdet?

Wir würden bereits früher den Wechsel vom kleinen in den grossen Kindergarten anstreben.

  1. Gab es im Gegenzug Aspekte, denen ihr zu viel Gewicht eingeräumt habt?

Nein.

  1. Was ist während dem Prozess der frühzeitigen Einschulung gut gelaufen?

Das Zusammenspiel mit den anderen Parteien.

  1. Was ist nicht gut gelaufen?

Nichts.

  1. Habt ihr Tipps für Eltern und Lehrpersonen, die ein Kind während einer früheren Einschulung begleiten?

Nein eigentlich nicht gross. Habt Vertrauen in die Kinder, bezieht sie in die Entscheidung mit ein. Meiner Meinung nach ist Unterforderung negativer als etwas Überforderung.

Verschiedenes

  1. Ist euer Kind ein Mädchen oder ein Junge?

Ein Mädchen.

  1. Wo steht das Kind in der Geschwisterfolge?

In der Mitte von drei Kindern, sie hat zwei Brüder.

  1. Waren eine frühzeitige Einschulung oder das Überspringen einer Klasse ein Thema während der Schulzeit von einem oder beiden Elternteilen?

Ja, bei der Mutter.

  1. Habt ihr in eurem Umfeld Kinder, die übersprungen haben?

Nein.

  1. Wir reagierte euer Umfeld auf das Thema?

Die meisten Mitmenschen haben positiv darauf reagiert, weil ihnen die Schulreife unserer Tochter aufgefallen ist. Wir wurden ganz oft auf ihr Lesen und Schreiben angesprochen. Da für uns der Fall von Anfang an ziemlich klar gewesen ist, kamen Zweifler auch nicht gross zu Wort, wenn es auch fast keine gab.

  1. Was möchtet ihr unbedingt noch sagen?

Ich danke euch herzlich für das Teilen von diesen ermutigenden Erfahrungen! Eurer Tochter wünsche ich weiterhin eine erfolgreiche, glückliche Schulzeit.

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