Pädagogischer Dienstag: Frühzeitige Einschulung JA oder nein, Teil 2

Letzte Woche startete ich die Themenreihe „Frühzeitige Einschulung ja oder nein“.  Es ist mir wichtig, dass es auf diese Frage kein abschliessendes „ja oder nein“ gibt, sondern dass sich die Frage in jedem Fall neu stellt. Schliesslich ist jedes Kind anders und befindet sich in einer ganz eigenen Situation.

Um dies zu verdeutlichen und um aufzuzeigen, welche Themen für den Entscheid wichtig sein können, habe ich einen Fragekatalog entworfen. Als erstes habe ich ihn einem Elternpaar gegeben, das sich FÜR die frühzeitige Einschulung ihres Sohnes entschieden hat.

Die beiden sind Freunde von mir, Eltern von drei Kindern und Lehrpersonen. Wenn in ihren Antworten von „einer befreundeten Unterstufenlehrerin“ die Rede ist, dann bin ich gemeint :-).

2015-11-03 10.54.39

Anstoss

  1. Aus welchen Gründen wurde die frühere Einschulung eures Kindes ein Thema?

Unser Sohn war im Kiga (Kindergarten) kognitiv einiges weiter als der Rest, fand schwierig Anschluss zu seinen Gspänli, es hatte im grossen Kiga keine Jungs.

  1. Wer hat das Thema zuerst angesprochen (Eltern, Kindergärtnerin, Kind, aussenstehende Person, Fachperson wie Schulpsychologe, Heilpädagogin,…)?

Wir als Eltern.

  1. Zu welchem Zeitpunkt wurde die frühere Einschulung ein Thema?

Nach einem Semester kleiner Kiga erfolgte die Umteilung in den grossen Kiga (leider war es ein Jahr zuvor nicht möglich, ihn schon in den Kindergarten zu schicken).

Entscheidungsfindung

  1. Welche Aspekte habt ihr bei der Entscheidung berücksichtigt (z.B. in den Bereichen Entwicklung, Umfeld, Zeitpunkt,…)?

Kognitive Entwicklung, körperliche Entwicklung und die Hoffnung, dass er in einer neuen Klasse den Anschluss zu Gspänli findet.

  1. Wer wurde alles in die Entscheidungsfindung miteinbezogen?

Kindergartenlehrpersonen, Eltern, Schulpsychologin.

  1. Bei wem habt ihr euch Rat geholt?

Kindergärtnerin, Schulpsychologischer Dienst, befreundete Unterstufenlehrerin.

  1. Habt ihr das Kind in die Entscheidungsfindung miteinbezogen? Wenn ja, wie?

Ja, wir haben ihn gefragt, ob er in die Schule gehen möchte.

  1. Was sprach aus eurer Sicht für eine frühzeitige Einschulung?

Sozial keinen Anschluss im Kindergarten, kognitive Entwicklung (die Frage der Einschulung ein Jahr später, würde die Schule ihn angemessen auffangen können in der 1. Klasse? -> falls nicht, wäre die Einschulung direkt in die 2. Klasse schwieriger).

  1. Was sprach dagegen?

Ein Jahr Kindergarten bei den von ihm geschätzten Kindergärtnerinnen, der Vorwurf des gepushten Kindes zweier Lehrpersonen.

  1. Wir wurdet ihr unterstützt durch Kindergarten und Schule?

Die Kindergärtnerin hat ihn über eine kurze Phase genauer beobachtet, getestet und uns von da an unterstützt.

  1. Habt ihr etwas vermisst, das euch die Entscheidung leichter gemacht hätte?

Die Unterstützung der Schulleitung, sie ging von einem „gepushten“ Kind aus…

Die Entscheidung

  1. Gab es ein bestimmtes Kriterium, das den Ausschlag für die Entscheidung gegeben hat? Wenn ja, welches?

Nein, es war ein klarer Fall.

  1. Falls es kein bestimmtes Kriterium gegeben hat: Welche Summe an Kriterien haben zum Entscheid geführt?

Da er grosse Teile der Lernziele der 1. Klasse bereits mit Beginn des Kindergartens erfüllt hatte und nicht wesentlich jünger ist als seine jetzigen Klassenkameraden.

  1. Wart ihr euch als Eltern einig?

Ja.

  1. Waren Eltern, Kindergärtnerin und andere Fachpersonen sich einig?

Ausnahmslos, wenn man die Schulleitung nicht als Fachperson sieht. (Anwesende Väter nehmen Schulleitungen, welche sich ein abschliessendes Urteil bilden können, ohne das Kind zu kennen, nicht sehr ernst, anwesende Mütter schliessen sich an.)

  1. Wer hat den definitiven Entscheid gefällt?

Der SPD (Schulpsychologischer Dienst), die Schulpflege folgte dem Bericht.

Nach der Entscheidung

  1. Wie geht es eurem Kind jetzt?

Er ist kognitiv immer noch nicht ausgelastet, hat aber gute soziale Kontakte geknüpft und hat eine gute Lehrerin.

  1. Welche positiven Auswirkungen seht ihr aufgrund der früheren Einschulung/resp. dem Verbleib im Kindergarten?

Ist sozial besser integriert.

  1. Welche negativen Auswirkungen seht ihr?

Kann damit gehänselt werden, dass er der Jüngste der Klasse ist.

  1. Das Thema „frühe Einschulung“ wurde aus bestimmten Gründen aktuell (s. Punkt 1). Hat sich in diesen Punkten etwas geändert?

Anschluss zu seinen Gspänli ist besser, da sie ihn eher verstehen. Kognitiv ist er immer noch unterfordert.

  1. Wenn ihr zurückschaut: Gibt es einen Aspekt, den ihr aus heutiger Sicht stärker berücksichtigen würdet?

Nein.

  1. Gab es im Gegenzug Aspekte, denen ihr zu viel Gewicht eingeräumt habt?

Nein.

  1. Was ist während dem Prozess der frühzeitigen Einschulung gut gelaufen?

Zusammenarbeit mit Kindergartenlehrpersonen und Schulpsychologin.

  1. Was ist nicht gut gelaufen?

Unser Sohn wurde ein „Spezialfall“, der unter dem Jahr in den grossen Kiga gewechselt hat, Stempel des gepushten Kindes, Stadtgetratsche.

  1. Habt ihr Tipps für Eltern und Lehrpersonen, die ein Kind während einer früheren Einschulung begleiten?

Kinder, die nicht auffallen und ihre Sache gut machen wollen, fallen nicht sofort auf und sind angenehme Schüler, bei denen aus Sicht der Lehrpersonen kein Handlungsbedarf besteht. Die Verhaltensauffälligkeiten und Frustrationen geschehen im geschützten Rahmen der Familie. Als Eltern sollte man die Lehrpersonen darüber informieren.

Möglichst bald fähige Fachpersonen zuziehen.

Verschiedenes

  1. Ist euer Kind ein Mädchen oder ein Junge?

Junge.

  1. Wo steht das Kind in der Geschwisterfolge?

Nummer 1 von 3.

  1. Waren eine frühere Einschulung oder das Überspringen einer Klasse ein Thema während der Schulzeit von einem oder beiden Elternteilen?

Ja, bei beiden. Vater hätte in eine Hochbegabtenschule gehen können, Mutter wurde früher eingeschult (System im Kanton Zug möglich, da Februar-Mai Kinder schulberechtigt aber nicht schulpflichtig sind).

  1. Habt ihr in eurem Umfeld Kinder, die übersprungen haben?

Nein

  1. Wir reagierte euer Umfeld auf das Thema?

Eine befreundete Unterstufenlehrerin fragte uns im Zusammenhang mit einem frühzeitigen Kindergarteneintritt, was wir uns davon versprechen würden (:-)).

Die, die unseren Sohn näher kannten, Familie, enge Freunde, waren nicht überrascht.

Ihr seit halt Lehrpersonen!!! Warum tut ihr das eurem Kinde an und lasst es nicht noch ein Jahr länger Kind sein.

  1. Was möchtet ihr unbedingt noch sagen?

Unserem Sohn geht es schlecht, wenn er kognitiv unterfordert ist. Dies hat Einschlafprobleme, Aggressionen und leichte depressive Stimmungen zur Folge, die er jedoch nur zu Hause zeigt.

 

Liebe befreundete Eltern :-), ganz herzlichen Dank für das Beantworten meiner Fragen und für eure Offenheit! Ich wünsche eurem Sohn alles Gute auf seiner weiteren Reise durch die Schulzeit und hoffe, dass er den Stempel des „gepushten Kindes“ sehr bald hinter sich lassen kann.

2 Antworten zu “Pädagogischer Dienstag: Frühzeitige Einschulung JA oder nein, Teil 2

  1. Noch eine vielleicht dumme Frage (weil man es wahrscheinlich einfach als Eltern weiß, wenn es soweit ist): woran erkenne ich, ob ein Kind kognitiv unterfordert ist? Was im Kindergarten so los ist, krieg ich ja in der Regel nicht mit und aggressives Verhalten und Schlafstörungen können ja 1000 Ursachen haben. Kann man das irgendwie in Worte fassen und ist das einfach ein Gesamteindruck vom individuellen Kind?

    • Liebe Antonia, ich habe deine Frage an das befreundete Elternpaar weitergeleitet.
      Hier ihre Antwort:
      „Wenn er kognitiv gefordert wurde (Museumsbesuch, schwierige Aufgaben der Kindergärtnerin, Test der Schulpsychologin, Sonderprojekte,…), zeigte er dieses Verhalten nicht.“

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