Pädagogischer Dienstag: Frühzeitige Einschulung ja oder nein, Teil 1

2015-11-03 10.54.26

„Wissen Sie eigentlich, dass unser Kind das zweite Kindergartenjahr übersprungen hat und frühzeitig eingeschult wurde?“

Es war beim Gespräch nach dem ersten Zeugnis, als die Eltern von A. – einer klugen, interessierten, fröhlichen Erstklässlerin – mir diese Frage stellten. Ich war eine motivierte Junglehrerin, die neu an jener Schule unterrichtete, und hatte keine Ahnung gehabt, dass ich ein Kind in der Klasse hatte, das nicht den regulären Weg in die erste Klasse gegangen war.

„Nein, das wusste ich nicht… Und ich wäre nie auf die Idee gekommen, sie passt ja so perfekt in die Klasse und bringt so gute Leistungen!“

Wenn mich meine Erinnerung nicht trügt, war das Thema damit mehr oder weniger abgeschlossen. Die Eltern erzählten noch ein wenig davon, dass alles für eine frühzeitige Einschulung gesprochen hatte, sie dennoch unsicher gewesen waren und nun sehr froh seien, dass alles so gut laufe. Wir freuten uns gemeinsam darüber, und so weit ich informiert bin, lief die Schulkarriere des Mädchens auch in den folgenden Jahren gut weiter.

In der selben Klasse war T. – ein kluger, hauptsächlich naturwissenschaftlich interessierter, eher ernster Junge. Er schoss in seiner mathematischen Leistung weit über die Klasse hinaus und hatte ausser der oben erwähnten A. wenige enge Freunde. Seine Eltern und ich hatten viele Gespräche, und schliesslich fiel der Entscheid, dass T. die dritte Klasse überspringen sollte. Er blieb mathematisch ein Überflieger, kämpfte zum Teil in den anderen Fächern und hatte es nicht einfach, Anschluss zu finden in seiner neuen Klasse.

Diese Geschichten prägten lange Zeit meine Einstellung zu frühzeitiger Einschulung. „Wenn das Kind bereit ist: Ja, schickt es in die Schule! Es ist einfacher, früher in die erste Klasse zu kommen als später eine Klasse zu überspringen“, war meine Meinung. Wenn Kindergärtnerinnen davon sprachen, wie wichtig es sei, dass die Kinder zwei Jahre bei ihnen sein durften, um die Vorzüge des Kindergartens zu geniessen, zweifelte ich. So böse waren wir Unterstufenlehrerinnen ja nicht, dass man die Kinder dringend vor uns schützen musste!

Dennoch wurde ich vorsichtiger mit meinen Ratschlägen, denn ich merkte, dass es für immer mehr Eltern ein Thema wurde. Immer wieder hörte ich von Kindern, denen es langweilig sei im Kindergarten, die dringend mehr „Futter“ bräuchten, die spätestens ein halbes Jahr vor der Einschulung nur noch nach der Schule quengelten. Die in der Meinung ihrer Eltern frühzeitig schulreif waren. „Ja gell“, sagte ich nun, „es passt halt nicht für alle perfekt mit dem Einschulungsdatum. Für die einen kommt es eher zu früh, für die anderen eher zu spät. Meine Erfahrung als Lehrerin ist es, dass es einfach ist für Kinder, die überreif sind als für solche, die zu früh kommen müssen. Lass dein Kind den Chindsgi geniessen, es darf dann noch lange genug in die Schule gehen!“

Kurze Zeit hegte ich die Hoffnung, dass sich das Thema in unserem Kanton erledigen würde, da wir über die Einführung der Basisstufe und damit eines flexiblen Einschulungsalters abstimmen durften. Leider konnte die Idee zu wenig Leute begeistern und wurde abgelehnt. Das Dilemma für Eltern, Kindergärtnerinnen und Kinder blieb also bestehen.

Ein Dilemma, in das ich vor einem halben Jahr plötzlich selber geriet. Ich, die anderen Eltern zu Geduld und Gelassenheit riet, stand plötzlich vor der Frage, ob unser Kind nicht besser das zweite Kindergartenjahr überspringen sollte. Spätestens da wurde mir klar, dass es keine allgemeingültige Antwort gibt und dass sich die Frage in jedem Fall ein wenig anders stellt.

 

Die nächsten pädagogischen Dienstage werden sich mit diesen Fragen befassen: „Sollen wir unser Kind frühzeitig einschulen? Was soll man dabei beachten? Was haben andere Eltern für Erfahrungen gemacht? Welche Auswirkungen hatte ihr Entscheid?“ Ich werde keine – oder höchstens ein bisschen – Theorie liefern, sondern Eltern zu Wort kommen lassen. Eltern, die sich für eine frühzeitige Einschulung ihres Kindes entschieden haben und solche, die sich dagegen entschieden haben. Natürlich werde ich auch über meine eigenen Erfahrungen als Mutter berichten.

Habt ihr auch Erfahrungen gemacht rund ums Thema frühzeitige Einschulung? Als Eltern, als Kindergarten- oder Unterstufenlehrerin, als Kind? Möchtet ihr eure Meinung hier einbringen? Ich freue mich, wenn ihr euch bei mir meldet! (per Mail an mirjam.wicki@wictronic.ch oder als Kommentar unter diesem Beitrag)

13 Antworten zu “Pädagogischer Dienstag: Frühzeitige Einschulung ja oder nein, Teil 1

  1. Bei Nr.4 hatte die Kindergärtnerin im jährlichen Elterngespräch das Thema kurz angerissen. Vom „Können“ her sei sie bereit für die Schule, aber vom emotionalen Aspekt her täte ihr das zweite Kindergartenjahr noch gut. Sie hat damals noch sehr schnell geweint, wenn etwas nicht nach ihren Vorstellungen lief.Ich bin froh, dass die Kindergärtnerin damals so entschieden hat und nicht anders. Ich denke, oft kann es Probleme geben, wenn es auf die Pubertät zugeht, in der Klasse vielleicht ein oder mehrere Kinder sind, die spät eingeschult wurden oder ein Jahr wiederholt haben, und man plötzlich über zwei Jahre Altersunterschied hat, was heikel sein kann (von der ganz normalen Entwicklung her, die Interessen gehen ab einem bestimmten Alter ja rasant auseinander). Auch für die Schulabgänger ist es nicht so einfach, wenn sie eigentlich noch viel zu jung für eine Lehre sind.
    Bei uns gibt es jetzt darum eine spezielle „Begabtenförderung“. Die Kinder können an einem Tag in der Woche an eigenen Projekten arbeiten oder auch, wenn sie in der Schule viel Vorsprung haben und einen Leerlauf überbrücken müssen. Ganz ausgereift finde ich das System nicht, da sie sich im Unterricht dann trotzdem oft langweilen, aber besser als gar kein Angebot. Um dort teilnehmen zu können muss man offiziell „abgeklärt“ werden.

          • Ich wäre 19 gewesen in meinem regulären Abijahr. Aber wegen einer Ehrenrunde in der 11. war ich dann auch schon 20.
            In der Schweiz ist man normalerweise mit 18/19 fertig. Eingeschult wird zwischen 6 und sieben.

            • Ich finde es schwierig, wenn man bei seinem Sechsjährigen schon an Matur und Studium denken muss und meine, Lehrpersonen und Eltern sollten die Entscheidung fällen, die im Moment passt. Es gibt ja zum Beispiel die Möglichkeit für ein Zwischenjahr vor dem Studienstart.
              Wenn das Kind hingegen jahrelang das Gefühl hat, es passe nicht in die Gruppe, ist es natürlich schwierig. Das kann aber sowohl beim Überspringen wie auch beim Verbleib in der Klasse passieren.
              Schnipseltippse: Wie eine sinnvolle Begabtenförderung aussehen sollte, frage ich mich auch immer wieder! Schön, dass es bei euch etwas gibt.

  2. Eine meiner besten Freundinnen, die auch die Patentante meiner Kinder ist, gilt offiziell als hochbegabt. Das war eigentlich schon im Kindergarten absehbar, wurde noch deutlicher in der Schule und in der Universität. Immer wieder überlegten ihre Eltern, ob eine frühere Einschulung, das Überspringen einer Klasse, der Wechsel auf ein Spezialgymnasium, usw. für sie nicht besser wäre. Letztendlich entschieden sie, bzw. meine Freundin sich aber immer wieder dagegen, weil sie bei ihren bekannten Freunden bleiben wollte. Nun ist meine Freundin keine, die schwer neue Kontakte knüpft. Im Gegenteil. Trotzdem sagt sie heute, dass sie ihren Eltern sehr dankbar ist, dass sie sie nie zu einer dieser Maßnahmen gedrängt haben. Sie ist trotzdem genau das geworden, was sie wollte, promoviert gerade und ist glücklich mit ihrem Leben. Ihre Eltern haben sich mittlerweile getrennt, die Familie ist auseinadner gebrochen. Oft sagt sie aber, dass ich (die wir uns seit dem Kindergarten kennen und so viele Jahre nebeneinander die Schulbank gedrückt haben) jetzt ihre Familie und einer ihrer wichtigsten Ressourcen bin.
    Sicher ist das nicht für jedes Kind die optimale Entscheidung. Meine Freundin hat sich bestimmt viiiiel gelangweilt in der Schule. Aber nicht bei jedem Kind führt das automatisch zu Agressivität oder ähnlichem. Ich denke auch, es ist eine Einzelfallentscheidung, aber ich möchte allen Eltern raten, sie nicht mit falschem Ehrgeiz sondern absolut aus dem Blickwinkel des Kindes heraus zu treffen.

    • Danke für diese positive Geschichte, Antonia! Das Schwierige für Eltern und Lehrpersonen ist halt, dass man nie weiss, wie es „herauskommt“. Und schon gar nicht, wie es herausgekommen wäre, wenn man sich anders entschieden hätte.

  3. Ich wollte nicht früher eingeschult werden, da ich durch meine Cousinen vom Schulstress gehört hatte. Für mich war die Langeweile eine Qual, aber ich war trotzdem froh. Die Klasse über mir, in die ich sonst gekommen wäre, war recht „aggressiv“. Es ist also wirklich individuell. Ich habe später im Gymnasium übersprungen, was ganz einfach war. Es ist also wirklich von sehr vielen Faktoren abhängig. Ich bin jedenfalls froh, dadurch ein Schuljahr gespart zu haben. Für mich war Schule fürchterlich.

    • Herzlich willkommen hier, Simmis Mama! Du sprichst Faktoren an, die ich auch sehr wichtig finde: Das Klassengefüge, den Stress, die Frage nach dem richtigen Zeitpunkt, die Gewichtung der Langeweile. Man wünscht sich halt, dem Kind eine „fürchterliche“ Schulzeit ersparen oder zumindest erleichtern zu können!

  4. Meine Tochter wäre auch noch nicht bereit gewesen für eine vorzeitige Einschulung. Davon bin ich überzeugt. Im letzten Kindergartenjahr hat sie sich schon auch manchmal gelangweilt.. so ist das nicht. Aber lieber nochmal ein Jahr Kindergarten-Frust, als für die nächsten 12-13 Jahre andauernder Schul-Frust. Dabei geht’s ja nicht nur darum, was fachlich von Lehrerseite von den Kindern gefordert wird – das hätte sie wohl auch mit 5 Jahren gut hinbekommen. Mir hat eher der soziale Stress Sorgen gemacht, den so eine Klassengemeinschaft mit sich bringen kann. Ich glaube, um in einer Klasse mit 20 Kindern seinen Platz zu finden braucht es schon einiges an Selbstvertrauen und Unabhängigkeit. Wer will schon, das sein Kind als Einzelgänger immer allein in der Ecke steht, weil es Angst hat geärgert zu werden und nicht weiß, wie es darauf reagieren soll. Oder weil es sich überhaupt nicht zu helfen weiss, wenn jemand kommt und es ärgert. Für mich war dieser Aspekt bei der Entscheidung noch weit wichtiger, als die Frage ob sie schon 3 und 3 zusammenzählen kann..

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