Pädagogischer Dienstag: Zum Sommer gehören Pflaster auf den Knien

Dienstag ist Pädagogik-Tag auf „Perfektwir“. Ich schreibe über ein Thema aus den Bereichen Bildung und Erziehung oder weise auf spannende Texte und Zitate hin.

2015-07-07 15.06.30

Ich sehe kaum noch Kinder mit aufgeschlagenen Knien. Früher gehörten die Pflaster auf den Knien zum Sommer, sie zeugten von wagemutigen Sprüngen und von stürmischen Rennen, von Mut, Energie und Bewegung.

Aus „Kindheit ist keine Krankheit“ von Dr. med. Michael Hauch, S. 67

Ich habe das oben genannte Buch von Dr. Hauch noch nicht fertig gelesen, gehe aber bereits in vielen Punkten mit ihm einig.

Zum Beispiel darin, dass aufgeschlagene Knie zum Sommer gehören.

Zu meinen Sommern als Kind gehörten sie jedenfalls. Und zu denen meiner Kinder – insbesondere meiner Tochter – gehören sie auch.

Sie gehören bewusst dazu. Ich zelebriere sie!

Seit sie klein sind, weise ich die perfekten Kinder mit Stolz auf ihre „Sommerbeine“ voller blauer Flecken hin.

Ich behandle jeden „blauen Mond“ und jede Schramme als Trophäe.

Ich verteile Pflaster wie Medaillen.

Ich streiche leidenschaftlich und mit viel Mitgefühl Salbe auf Brennesselstiche, Schürfungen, Beulen und „verknickte Füsse“.

Wer einen Eisbeutel verlangt oder ein wenig ins verdunkelte Zimmer liegen möchte, hat meinen ganzen Respekt.

 

Zugegeben, auf die Zeckenbisse könnte ich verzichten, aber auch die behandle ich unterdessen routiniert und einigermassen cool.

Auch zugegeben: Wir blieben bisher vor grossen Verletzungen verschont, die ärgsten Trophäen waren eine Platzwunde am Hinterkopf des perfekten Sohns und das geschwollene Gesicht der perfekten Tochter nach dem missglückten Riitiseiliabsprung.

Und das letzte Zugegeben: Die perfekten Kinder sind keine Kamikazen. Sie schätzen ihre Fähigkeiten meist realistisch ein und gehen nicht bis ans Limit.

 

Trotzdem ist es ein Willensentscheid von mir: Ich will meine Kinder nicht vor jeder schmerzhaften Erfahrung bewahren.

Sie sollen Bewegungserfahrungen machen. Erleben, was gelingt und was nicht. Mutig und stürmisch sein. Erfahren, dass sie sich auf ihren Körper verlassen können. Dass es manchmal weh tut. Dass Verletzungen heilen.

Am besten gelingt mir das, wenn ich nicht dabei bin. Wenn ich gar nicht sehe, wie riskant das Unterfangen ist und wie rutschig der Kies am Boden. Wenn ich erst dazu gerufen werde, wenn es um das Pflaster und den Trost geht.

 

Natürlich meine ich nicht, dass wir unsere Kinder vernachlässigen sollen, einfach machen lassen und sie so vielen Verletzungen aussetzen wie möglich. Dazu noch einmal Dr. med. Michael Hauch:

Um nicht missverstanden zu werden: Kinder sollen sich gesund ernähren, beim Radeln einen Helm tragen, Sonnencrème nehmen, nicht in Hundedreck fassen, aggressiven Teenies aus dem Weg gehen und nicht auf Strassen spielen, durch die viele Autos fahren. Doch Erwachsene müssen ihnen nicht ständig einreden, dass die Welt nur aus gefährlichen Fallen und Gefahren besteht, dass sich hinter jeder Ecke ein Unheil verbirgt, das nur darauf wartet, das Kind anzuspringen und zu vernichten.

Aus „Kindheit ist keine Krankheit“ von Dr. med. Michael Hauch, S. 66f

 

In diesem Sinn: Ich wünsche euch einen wunderbaren Sommer, mit vielen (Bewegungs-) Erfahrungen, ohne grössere Verletzungen und mit viel Freiheit und Unbeschwertheit!

Der Pädagogische Dienstag geht mit diesem Beitrag in die Sommerferien und kehrt Mitte August zurück.

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5 Antworten zu “Pädagogischer Dienstag: Zum Sommer gehören Pflaster auf den Knien

  1. „Sommarben“ (Sommerbein) nennt man das auch hier bei uns… Und die gehören auch hier, nicht erst seit Michel und Ida zum Standardsommerprogram 😉

  2. Schöne Beschreibung… und soooo wahr 🙂
    Kleine Schrammen sind ein zu akzeptierendes Resultat für die vielen kleinen Abenteuer und Erfahrungen, die die kleinen Leute machen müssen, um sich gesund entwickeln zu können. Überängstliche Eltern berauben ihre Kinder dieser wertvollen Erlebnisse.

    Liebste Grüße,

    Tamara

    • Danke, Tamara! Wie es sich anfühlt, überängstlich zu sein, merkte ich übrigens nach dem Riitiseilisturz der perfekten Tochter. Während sie Tage später längst wieder unbeschwert turnte, rief ich dauernd: „Pass auf, nicht so hoch,…!“ Schliesslich gewann zum Glück aber doch wieder die andere Seite die Oberhand!

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