Zickenalarm

„Mamiiiiiii!“

Es ist acht Uhr, der perfekte Sohn sitzt noch im Pijama am Frühstückstisch (er hat an dem Morgen frei), und die perfekte Tochter stürzt weinend zur Haustür herein.

„Meine Freundin will nicht mit mir in die Schule laufen! Und ich will nicht schon wieder allein gehen!“

Ich nehme sie in den Arm. „Zickenalarm“, ist das Wort, das mir durch den Kopf geht, obwohl ich es nicht mag, wenn man die kleinen Mädchen als Zicken oder Hexlein bezeichnet. Ja, sie sind am Ausprobieren, die Erstklässlerinnen. Wer mit wem und mit wem nicht. Heute so, morgen anders, oder auch bereits am Nachmittag wieder anders. Abholen oder nicht. Zusammen spielen oder nicht. Freundin und Feindin, miteinander und gegeneinander. Wie es halt so ist. (Leider.)

Während ich mein Mädchen im Arm halte, melden sich verschiedene Stimmen in mir zu Wort, die ungefähr so tönen:

„Was fällt denn dieser dummen Zicke ein? Von jetzt an spielst du aber nicht mehr mit der!“

„Meine arme kleine Maus! Komm, wir gehen zusammen in die Schule und reden mit dem Mädchen. Wir finden sicher eine Lösung.“

„Ach Kleines, das muss dich doch nicht traurig machen. Ich beschütze dich, wir lassen die böse Welt gar nicht an uns ran.“

„Du schaffst das! Los, geh allein in die Schule und zeig denen, dass du sie nicht brauchst!“

„Wie kann ich mein Kind stärken? Was braucht es, um in dieser harten Welt bestehen zu können?“

 

Wer wird die Oberhand behalten?

Ich atme einmal tief und durch und wechsle innerlich das Thema. Es geht jetzt nicht um das Gezicke der Erstklässlerinnen und die Hackordnung auf der Welt. Es geht darum, dass sich mein Kind beruhigt, wieder gut fühlt und pünktlich in die Schule kommt.

„Was machen wir jetzt?“, frage ich.

Sie hebt den Kopf. „Ich will nicht allein gehen. Ich bin schon genug allein gelaufen diese Woche.“ Sie wendet sich an ihren Bruder. „Ist es gut, wenn du allein zu Hause bleibst und Mami mich begleitet?“

„Nein“, meint der, „ich ziehe mich ganz schnell an und komme mit!“

Worauf sie sagt: „Ja! Du bist doch so schnell im Anziehen, das geht!“

Drei Minuten später sind wir zu dritt unterwegs Richtung Schule. In mir kämpfen immer noch die verschiedenen Stimmen, während  beide Kinder fröhlich neben mir hergehen. Auf halbem Weg treffen wir zwei Freundinnen der perfekten Tochter, sie schliesst sich ihnen an und braucht uns nicht mehr.

Am Nachmittag will sie dann mit der Freundin abmachen, die nicht mit ihr laufen wollte, und am nächsten Morgen ziehen sie wieder gemeinsam los.

So ist das mit dem Zickenalarm in der ersten Klasse. Er kommt und geht und gehört einfach dazu.

Wer sich weiterhin Gedanken macht, das bin ich. Mehr dazu am nächsten pädagogischen Dienstag.

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Eine Antwort zu “Zickenalarm

  1. Hallo Mirjam.
    Meine Tochter ist 4Jahre und im Kindergarten. Ihre beste Freundin probiert ihre Macht schon jetzt aus. “ Heute Spiele ich nicht mit dir“ und ich habe eine weinende Tochter im Arm, die wieder mit mir nach Hause gehen will. Mein Herz fühlt so sehr mit! Bin auf deine weiteren Gedanken dazu gespannt. Lg Petra

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