Pädagogischer Dienstag: Hausaufgaben Teil 1 – warum eigentlich (nicht)?

2015-03-16 09.38.39

Die nächsten zwei oder drei pädagogischen Dienstage gehören dem Thema Hausaufgaben. Warum braucht es Hausaufgaben? Braucht es sie wirklich? Wie gehen wir am besten mit ihnen um? Was vermeiden wir besser? Wie immer freue ich mich über Anregungen, Meinungen und Diskussionen, hier im Blog, auf Facebook oder im direkten Gespräch.

 

„Mami, werum mues ich eigentlich Huusufgabe mache?“

Die perfekte Tochter stellte mir diese Frage wenige Wochen nach Schulbeginn.

Sie ist damit nicht allein. Wahrscheinlich seufzen so oder ähnlich täglich Hunderte von Kindern:

Warum muss ich, nun wo die Schule endlich fertig ist und ich spielen könnte, noch Hausaufgaben machen?

Warum muss ich mich schon wieder an einen Tisch setzen, um zu lesen, schreiben, rechnen, malen, wo ich das doch schon die ganze Zeit in der Schule gemacht habe?

Warum muss ich Sachen machen, die ich entweder schon kann oder die sowieso zu schwierig für mich sind?

Und warum machen Lehrerin und Eltern so ein Drama draus?

Neben den offensichtlich seufzenden Kindern sitzen ihre heimlich seufzenden Mütter (seltener Väter) und fragen sich dasselbe, während sie sich gleichzeitig als Motivationstrainerin betätigen. „Komm, das hast du doch schnell gemacht, wenn du dich konzentrierst. Nachher kriegst du ein Schoggistängeli. Nein, noch nicht jetzt. Ui, nein, nicht soooo schnell, man muss es schon lesen können! Wo gehst du denn jetzt hin? Aber du warst doch gerade auf dem WC…“

 

„Ich weiss nicht. Frag deine Lehrerin“, gab ich meiner Tocher zur Antwort und meinte es ernst. Nicht jede Lehrperson gibt aus dem gleichen Grund Hausaufgaben und nicht jede tut es mit der gleichen Überzeugung. Ich zum Beispiel habe mich oft schwer getan, sinnvolle Hausaufgaben zu finden, und stiess beim Vorbereiten ähnliche Seufzer aus wie später meine Schüler und Schülerinnen beim Lösen.

Trotzdem habe ich es meistens gemacht, und deshalb habe ich die Antwort an die perfekte Tochter auch noch ergänzt: „Ich kann dir nur sagen, warum ICH jeweils meinen Schülern und Schülerinnen Hausaufgaben gegeben habe.“

„Und werum?“

  1. Weil man für einige Dinge, die man lernen muss, mehr Zeit braucht, als man in der Schule dafür hat. Lesenlernen zum Beispiel. Oder Malrechnen. Dafür müssen die meisten Kinder regelmässig üben, am besten in Ruhe und im eigenen Tempo.
  2. Weil man in den höheren Klassen viel zu Hause üben und lernen muss. Da ist es gut, wenn man sich das schon gewöhnt ist und herausgefunden hat, wie/wo/wann man am besten Hausaufgaben macht.
  3. Damit die Eltern sehen, woran die Kinder in der Schule arbeiten.

Es gibt noch einen Grund, warum ich Hausaufgaben gegeben habe, aber den habe ich meiner Tochter vorenthalten:

Weil die meisten Eltern es wünschen und wichtig finden.

 

Die perfekte Tochter war mit der Antwort zufrieden für den Moment und hat die Grundsatzfrage seither nicht mehr gestellt. Sie ist keine begeisterte Hausaufgaben-Macherin, aber eine pflichtbewusste, und ihre Seufzer sind meistens keine abgrundtiefen.

Daher sind meine Mami-Erfahrungen mit Hausaufgaben – bis auf wenige Ausnahmen – positiv. Ich sitze gern neben meiner Tochter und schaue ihr beim Arbeiten zu oder spiele ein bisschen Lehrerin, wenn es nötig wird. Tatsächlich habe ich damit eine Verbindung zur Schule und fühle mich in meinem dritten Argument für Hausaufgaben bestätigt.

Ich schätze es, dass die Hausaufgaben der perfekten Tochter meist innerhalb von 10-15 Minuten erledigt sind und dass ihre Lehrerin ausprobiert, ob es funktioniert, Hausaufgaben über mehrere Tage zu geben. So können wir selber einteilen, wann sie wie viel arbeitet, was ich erstens familienalltagsfreundlich finde und zweitens hilfreich beim „lernen lernen“. Mein Punkt zwei scheint mir also auch aus Muttersicht sinnvoll.

Ob es für Punkt 1 allerdings Hausaufgaben braucht, bin ich mir nicht mehr so sicher. Die perfekte Tochter bekam ihre Leseroutine nicht durch die Lesehausaufgaben, sondern durchs Vorlesen am Abend. Und wenn ich von verschiedenen Familien höre, wie die Rechentrainings-Hausaufgaben ihnen einen täglichen K(r)ampf bescheren, zweifle ich ernsthaft an deren Lerneffekt.

Das Vertiefen des Unterstufen-Schulstoffs sollte im Alltag stattfinden können, nicht mit zusätzlichen Schulaufgaben zuhause. Ein Elternabend zum Thema „Lesen und Rechnen im Alltag“ würde wahrscheinlich mehr bringen als tägliche Rechen- und Lesetrainings. Oder zumindest sollten die Kinder selber herausfinden können, wie sie das Training am besten in ihren Alltag einbauen. Dies auch wieder im Hinblick auf das Lernen in den oberen Klassen.

 

Wenn ich meine Lehrerinnen- und Muttersicht zusammennehme, kann ich also sagen:

Hausaufgaben sind sinnvoll, wenn sie aus schulischer Sicht einen bestimmten Zweck erfüllen, und aus familiärer Sicht eine Verbindung zur Schule herstellen, ohne ein tägliches Drama zu veranstalten.

Wenn man nun noch bedenkt, wie unterschiedlich Kinder, Lehrpersonen und Familien sind, scheint klar, warum es bei dem Thema so viel zu seufzen gibt.

Also doch abschaffen?

Was denkt ihr?

8 Antworten zu “Pädagogischer Dienstag: Hausaufgaben Teil 1 – warum eigentlich (nicht)?

  1. Mein Vorschlag:(Haus)Aufgabenstunde für alle Kinder. D.h. die Kinder bleiben eine halbe Stunde länger in der Schule (Oberstufe 1h). Dafür kommen sie ohne Aufgaben nach Hause und haben wirklich Feierabend. Ich denke, dass uns so sehr viel Stress in den Familien erspart bliebe. Wieviele Familien gibt es, bei denen das Thema Hausaufgaben ein täglicher Streitpunkt ist? Sei es über den Zeitpunkt, über die Schwierigkeit oder Einfachheit? Also bei uns sehe ich zur Zeit keine Notwendigkeit der Hausaufgaben, da bin ich wie du der Meinung, dass das meiste im „normalen“ Alltag geübt wird.
    PS: Das Buch Villa Monte ist fertig gelesen und angeschaut (hat viele Bilder) und wartet darauf bei einem Tee weiter gegeben zu werden.

    • Ich fand eine Hausaufgabenstunde auch lange etwas Sinnvolles, unterdessen finde ich aber, dass man es dann auch ganz bleiben lassen kann. „Selbstständig arbeiten im Schulzimmer“ können die Kinder ja auch im regulären Unterricht lernen.
      Das Buch „Hochbegabte Kinder“ ist auch ausleihbereit – höchste Zeit für einen Tee! Ich melde mich.

      • Ich meine mehr im Sinn von, wenn die Kinder pro Tag mehr arbeiten sollen, dann könnten sie von mir aus länger in der Schule bleiben und dann unbelastet nach Hause kommen.
        Ja, melde dich für den Tee.

  2. Du kennst den Aargauer Lehrplan, aber vielleicht nicht alle deine Leserinnen und Leser. Ich staune immer wieder, wie hier den Hausaufgaben ihr lastendes Gewicht genommen wird. Hielten sich nur alle Lehrpersonen daran!
    <<>>
    Wenn Hausaufgaben erteilt werden …. Das heisst doch, dass Hausaufgaben überhaupt nicht erteilt werden müssen: Es soll auch ohne gehen.
    Keine tragend Funktion …. Das heisst doch, dass der Unterricht so sein soll, dass man auch draus kommt, wenn man die Hausaufgaben nicht gemacht hat!
    Massvoll …. selbständig lösen …. Das heisst doch, dass die Lehrkräfte sich überlegen sollen, wie ihre Hausaufgaben gestaltet sein müssen, damit sie jedes(!) Kind auch ohne Elternhilfe in angemessen kurzer Zeit lösen kann.
    Wie wäre Schule doch schön, wenn man sich an das hielte, was das Wort Schule eigentlich heisst: Musse zum Lernen.

  3. In meinem vorherigen Kommentar ist das Zitat aus dem Lehrplan nicht mitgeliefert worden. Ich weiss nicht warum. Hier also die Lehrplanformulierung:

    Wenn Hausaufgaben erteilt werden, dürfen sie keine tragende Funktion für den Unterricht haben, das heisst, der Unterricht darf nicht auf den Hausaufgaben aufbauen. Sie sind massvoll zu erteilen, und der Schüler soll sie in der Regel selbstständig lösen können. In Hausaufgaben kann das im Unterricht Gelernte vertieft werden. Hausaufgaben bieten auch die Möglichkeit, Arbeits- und Lerntechniken einzuüben. Zudem haben Hausaufgaben auch eine Brückenfunktion zum Elternhaus.

    • Danke für diesen wertvollen Hinweis, perfektgrosvati! Ich bin zwar keine Lehrperson, kenne deshalb den Aargauer Lehrplan nicht aus der Nähe und habe auch noch keine Kinder in der Schule – im Kindergarten gibt es, Gott sei Dank, noch keine Hausaufgaben! -, aber ich habe die Definition von Hausaufgaben ganz ähnlich in meiner Erinnerung gespeichert, wie sie offenbar sogar im offiziellen Lehrplan steht.
      Mit dieser Einstellung werde ich mich in einem guten Jahr auch auf die Hausaufgaben einlassen, die unsere beiden künftigen Erstklässerinnen nach Hause bringen werden. Und sollten mich ihre Lehrpersonen durch ihre Hausaufgaben auf einen anderen Weg bringen wollen, werde ich die Hausaufgaben als Brücke zur Schule nutzen und ein wohlwollend-rückfragendes Gespräch mit den Lehrpersonen suchen :-).

    • Danke für diese Ergänzung, perfekt(gros)vati! Ich wusste tatsächlich nicht mehr, was im Lehrplan steht, dem ich jahrelang gefolgt bin, und ich fühle mich bestätigt in meinen Meinungen und Erfahrungen.

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