Pädagogischer Dienstag: „Erwartungsfrei erziehen“ – Gedankenfäden

In der Perfektwir-Rubrik „Pädagogischer Dienstag“ nehme ich jeweils an einem Dienstag Stellung zu einem Thema aus Schule oder Erziehung. Ich würde mich freuen über Reaktionen auf meine Gedanken und Diskussionen dazu.

 

Vor einigen Wochen gerieten meine Kinder in eine ziemlich peinliche Situation. Mir jedenfalls war sie peinlich, für die Kinder war sie eher verwirrend. Sie hatten eine ältere Bekannte von uns nicht gegrüsst, diese nahm das sehr persönlich und wies meine Kinder öffentlich darauf hin. Allerdings mit so komplizierten Worten, dass den Kindern der Sinn nicht aufzugehen schien. Ich liess die Szene stillschweigend vorbeigehen. Weil ich nicht reagieren mochte (es war kein besonders guter Tag für mich), weil ich die Szene nicht verlängern wollte, weil meine Kinder offenbar viel weniger betroffen waren als ich.

Im Nachhinein bin ich froh, dass ich nicht reagiert habe. Dennoch habe ich mir überlegt, was ich denn gesagt hätte, wenn ich etwas gesagt hätte. Spontan kam mir dieser Satz in den Sinn: „Weisst du,

wir erziehen unsere Kinder nicht dazu, die Erwartungen anderer zu erfüllen.“

Lass dir das mal auf der Zunge zergehen! Stell dir vor, du schmetterst den Satz den Leuten entgegen, die im Supermarkt kopfschüttelnd auf dein schreiendes Kind schauen. Stell dir vor, du flötest ihn der Lehrerin vor, die schon wieder wegen demselben Fehlverhalten deines Kindes anruft. Stell dir vor, wie du ihn selbstbewusst in die Runde der Mütter einbringst, deren Kinder alle auf dem Spielplatz herumtoben, während dein Kind immer noch an deinem Hosenbein hängt.

Sollen sie doch ihre Erwartungen haben. Sollen sie doch wissen, wie sich ein Kind zu verhalten hat. Mein Erziehungsziel ist es nicht, dass mein Kind ihre Erwartungen erfüllt.

Ein entlastender Gedanke für mich.

Nun stell dir vor, dein Partner/deine Partnerin sagt den Satz zu dir, wenn das Kind zum x-ten Mal nicht auf deine Aufforderung reagiert und du dabei laut und lauter wirst. Stell dir vor, du tröstest dein Kind, das im Sandkasten von einem anderen Kind geschlagen wurde, und dessen Mutter haut dir den Satz um die Ohren.

In den Momenten macht der Satz plötzlich viel weniger Spass.

Auch ich habe Erwartungen an Kinder, an meine eigenen und an andere. Bin ich bereit, auch diese loszulassen und jenseits meiner eigenen Erwartungen zu erziehen und erziehen zu lassen?

 

Seit ich den Satz voller Überzeugung vor mich hin gedacht habe, zweifle ich auch an ihm. 

Erziehen wir unsere Kinder wirklich jenseits der Erwartungen anderer?

Wollen wir das überhaupt?

Wie unterscheiden sich „Erwartungen erfüllen“ und „Rücksicht üben?“

Wie viel Individualismus ist gesund für unsere Gesellschaft?

Wenn wir uns als Eltern auch zu „den anderen“ zählen: Können wir überhaupt jenseits unserer eigenen Erwartungen erziehen? Schliesslich verfolgen wir mit unserer Erziehung eine Absicht (z.B. „Eigenverantwortung“), und diese ist mit Erwartungen verbunden.

Machen wir unseren Kindern etwas vor, wenn wir ihnen beibringen, sie müssten sich nicht nach den Erwartungen anderer richten?

 

Eine Menge Fragen, die mich begleiten. Ich kann sie zurzeit nicht beantworten, werde aber weiterdenken und wahrscheinlich auch wieder einmal dazu schreiben.

 

Zurück zur Eingangssituation: Welche Erwartungen haben meine Kinder eigentlich nicht erfüllt, und bin ich tatsächlich der Meinung, sie müssen das auch nicht?

Die Erwartung unserer Bekannten war weder überrissen noch sonstwie unangebracht. Sie darf davon ausgehen, dass sie von unseren Kinder gegrüsst wird. Im Normalfall würden die Kinder dies auch tun, und wenn nicht, würde ich sie darauf hinweisen. Ich würde sie ermutigen, diese gesellschaftliche Erwartung zu erfüllen. Grüssen schränkt sie nicht in ihrer Persönlichkeit ein, und es kostet sie keine unüberwindbare Anstrengung (als sie jünger waren, war dies anders!). Im Gegenteil, es hilft ihnen, in Kontakt zu kommen mit Menschen und ein Teil der Gruppe zu werden.

Besagter Tag war aber kein Normalfall, es war ein emotional sehr anstrengender Tag. Ich war selber weit davon entfernt, Erwartungen erfüllen zu können und Konventionen einzuhalten, geschweige denn, darauf zu achten, dass meine Kinder es tun. Dass wir da waren, war alles, was ich bieten konnte. Ich kann nicht erwarten, dass die anderen Anwesenden dies wissen, verstehen und darauf Rücksicht nehmen. Aber ich kann mich in dem Moment von ihren Erwartungen befreien. Ich kann es ohne schlechtes Gewissen hinnehmen, als unhöflich zu gelten, oder als Mutter, die ihre Kinder schlecht erzieht. Ich muss mich nicht rechtfertigen, und ich muss meine Kindern nicht glauben lassen, es sei ein Fehler, dass wir das Grüssen verpasst haben.

Ich bin immer noch froh, dass ich die Szene unkommentiert gelassen habe. Aber vielleicht hätte der Satz lauten können: „Weisst du,

für uns ist es gerade jetzt wichtiger, gut zu uns selber zu schauen, als die Erwartungen anderer zu erfüllen.“

5 Antworten zu “Pädagogischer Dienstag: „Erwartungsfrei erziehen“ – Gedankenfäden

  1. Dieser Satz gefällt mir:
    Wie unterscheiden sich “Erwartungen erfüllen” und “Rücksicht üben?”
    Wir wissen beide, dass es nur in Betonköpfen und Quadratschädeln definitive Antworten auf solche Fragen gibt.
    Da du nicht zu diesen gehörst, wünsche ich dir viel Gschpüüri für die immer neuen Entscheidungen in immer neuen Situationen.

    • Als ich anfing, den Text zu schreiben, glaubte ich tatsächlich, ich könnte die definitiven Antworten finden, wenigstens für mich. Ein bisschen Quadratschädel wäre halt manchmal doch gäbig… Du ermutigst mich, weiter zu fragen, zu denken und in der Situation zu handeln. Danke.

  2. Eine wichtige Frage. Ich finde selbst, dass ich viel zu oft (unbewusst) versuche, die Erwartungen anderer zu erfüllen. Das heißt, ich möchte meinen Kindern eine Eigenschaft vermitteln, die mir selbst oft nicht gelingen mag. Dummerweise beobachten sie mich sicherlich im Alltag und übernehmen dann mehr als einem lieb ist. Gleichzeitig finde ich, dass Individualität da aufhört, wo man andere unnötig vor den Kopf stößt (zum Beispiel beim Grüßen, auch wenn es Ausnahme-Extremsituationen gibt wie bei dir), beim höflich sein, usw. Man kann höflich sein und trotzdem das machen, was man selbst für richtig hält. Wahrscheinlich muss man hier in jeder Situation wieder abwägen.
    Liebe Grüße
    Marlene

    • Liebe Marlene, ich habe gerade heute gelesen, wie viel wir Eltern zusammen mit unseren Kindern lernen können. Mir geht es genauso, dass ich noch viel zu häufig meine, die Erwartungen anderer erfüllen zu müssen. Durch die Kinder gerate ich in Situationen, in denen das nicht „funktioniert“, und diese lehren mich, freier zu werden und mir genauer zu überlegen, warum ich etwas tue (oder nicht tue). Auch weil ich – wie du schreibst – Vorbild für sie sein möchte.

      • Das ist ein guter Gedanke, den man als Eltern immer im Hinterkopf behalten sollte. Überhaupt finde ich, man gerät die ganze Zeit in Situationen, mit denen man sich früher nicht herumschlagen musste 🙂 Viele Grüße! Marlene

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