Pädagogischer Dienstag: Das letzte halbe Jahr vor Schuleintritt – eine Überlebensstrategie

In der Perfektwir-Rubrik „Pädagogischer Dienstag“ nehme ich jeweils an einem Dienstag Stellung zu einem Thema aus Schule oder Erziehung. Ich würde mich freuen über Reaktionen auf meine Gedanken und Diskussionen dazu.

Alles neu macht die Schule?

Ich habe kürzlich ziemlich blöd auf die Bemerkung einer Bekannten reagiert. Wir beobachteten ihren Sohn – Zweitjährler im Kindergarten – wie er mit einem Stock scheinbar grundlos an einen Laternenpfahl schlug.

„Hör auf!“, rief sie und sagte dann zu mir:

„Es wird Zeit, dass er in die Schule kommt!“ Und ich antwortete etwas im Sinn von:

„Meinst du, es wird dann besser?“

Sorry!

Ich wollte weder sagen, dass etwas besser werden muss, wenn ein Kind mal an einen Laternenpfahl poltert, noch meinte ich, bei dem Kind könne auch die Schule nicht mehr helfen.

Was meinte ich dann? Es brauchte tatsächlich ein wenig Reflexion von mir, um mir über den Sinn meiner eigenen Worte klar zu werden.

Ich glaube, was ich meinte, ist etwas in der Art von:

„Schätz bitte den Kindergarten nicht gering!“ und „Überschätz die Möglichkeiten der Schule nicht!“

Ich weiss, dass es Kinder gibt, die im letzten Chindsgijahr überschulreif sind. Die genug haben vom Altbekannten und gern Neues erleben möchten. Die endlich ungehemmt loslernen wollen. Die in ihrer Entwicklung meilenweit entfernt sind von den jüngsten Erstjährlerkindern und gern ein anregenderes Umfeld hätten.

Ich finde das die beste Voraussetzung für den Schritt in die Schule! Das Kind ist bereit, es will weiter, und es wird weiterkommen. Wenn auch erst in einem halben Jahr, und die Frage vieler Eltern, die ich kenne, ist: Wie überstehen wir dieses?

Wie motivieren wir unser Kind für die „mehr als 150 Mal schlafen“, die es noch braucht, bis die Schule tatsächlich beginnt?

Freut euch des Kindergartens!

Ich kann nicht aus Erfahrung sprechen. Die perfekte Tochter war bis zum Schluss eine glückliche Kindergärtlerin, die nicht wirklich einsah, warum ein Wechsel in die Schule erforderlich sein sollte. Der perfekte Sohn ist erst im ersten Kindergartenjahr und kann zwar auf Anfrage hin jammern, es sei langweilig dort, sein glückliches Nachhausekommen jeden Tag relativiert diese Aussage jedoch drastisch.

Ich weiss also nicht, wie es ist, wenn man tatsächlich ein chindsgimüdes Kind zu motivieren hat oder wenn man die Hoffnung hat, die grössere Herausforderung ab Sommer würde ein wenig Ruhe ins Familienleben bringen.

Was ich aber kenne, ist der Start in die 1. Klasse. Mit den motivierten und den vorsichtigen Erstklässlern. Mit denen, die schon lesen und bis 999 zählen können, und denen, die gerade gemerkt haben, dass es noch andere Buchstaben gibt als die, die in ihrem Namen vorkommen. Mit den über Siebenjährigen und den knapp Sechsjährigen.

Es ist eine Aufregung, es ist eine Freude, es ist viel Neues, die Kinder sind gefordert und manchmal überfordert, und manche schlagen vor Begeisterung oder Frust mit Stecken an Laternenpfähle.

Und dann wird es Alltag. Spätestens nach den Herbstferien. Die Lehrerin stellt manchmal ähnlich langweilige Aufgaben wie damals die Kindergärtnerin, und weil nicht alle Kinder gleich schnell sind, muss man warten wie früher auf die Erstjährler. Das Schulleben bietet zwar Herausforderungen, aber nicht andauernd (hoffentlich). In gewisser Hinsicht ist es sogar langweiliger als der Kindergarten, da es einem weniger Raum lässt für das eigene Spielen und Entdecken. Manchmal könnte man sich fast ein wenig zurücksehnen nach dem Chindsgi.

 

Deshalb rate ich allen schulreifen Kindergärtlern und ihren inselreifen Eltern:

  1. Lebt den Moment!
  2. Vorfreut euch von ganzem Herzen auf die Schule und stellt euch vor, wie toll es sein wird.
  3. Geniesst euren Status als „Senior-Kindergärtler“, der schon alles weiss und kann.
  4. Und wenn es nötig sein sollte: Übt euch in Selbstmotivation, die kann man immer brauchen.
  5. Schaut eurer Kindergärtnerin noch ein paar Mal ganz tief in die Augen, denn glaubt mir: Ihr werdet sie nie vergessen!

 

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