Pädagogischer Dienstag: Wer macht eigentlich wem Druck, und was können wir dagegen tun?

In der Perfektwir-Rubrik „Pädagogischer Dienstag“ nehme ich jeweils an einem Dienstag Stellung zu einem Thema aus Schule oder Erziehung. Ich würde mich freuen über Reaktionen auf meine Gedanken und Diskussionen dazu.

 

Die folgenden Beispiele sind erfunden und beziehen sich auf keine bestimmten Personen aus meinem Bekanntenkreis!

Damals während der grossen Pause im Lehrerzimmer

Kollege Unterstufenlehrer hatte ein Elterngespräch mit Herrn und Frau X., die nicht glauben können, dass Klein Xchen nicht zu den Klassenbesten gehört. „Dabei hat es nach beharrlichem Üben endlich den Zehnerübergang verstanden! Wir haben uns so darüber gefreut! Aber das reicht den Eltern nicht, und nun wollen sie es in die Nachhilfe schicken. Wahrscheinlich bekommt es dann ein Riesendurcheinander im Kopf und verliert gleich wieder die ganze Freude am Rechnen. Und sorry – es wird in Mathe einfach nicht für ein ’sehr gut‘ reichen im Zeugnis…“

Kollegin Kindergärtnerin ist im Stress, da sie dringend einen Termin beim Schulpsychologen braucht für einen ihrer Schützlinge. „Das Kind ist noch so verträumt, ich möchte es in die Einschulungsklasse einschulen. Es wird den Knopf schon öffnen, es braucht einfach noch Zeit. Jetzt wollen die Eltern eine Abklärung, bevor sie sich mit dem Entscheid einverstanden erklären! Völlig unnötiger Stress für das arme Kind.“

Kollegin Mittelstufenlehrerin hat es anders gelöst: „Ich habe den Eltern, die ihr Kind anders in die Oberstufe einstufen wollten als ich, einfach nachgegeben. Ist ja ihr Kind, sie haben dann den Stress mit ihm, wenn es zu schwierig wird. Aber die Kinder tun mir leid.“

Kollege Heilpädagoge sagt halb genervt, halb belustigt: „Frau Y. war wieder einmal hier. Sie hat schon wieder gesagt, ihr Kind mache nur so viel Blödsinn, weil es unterfordert sei im Unterricht. Wenn unser Unterricht spannend wäre, würde es sich schon konzentrieren! Also gebt euch gefälligst etwas mehr Mühe!“

 

Fazit: Die Eltern machen Druck auf die Lehrpersonen und die Kinder. Die Eltern akzeptieren nicht, dass die schulischen Möglichkeiten ihrer Kinder begrenzt sind oder diese mehr Zeit brauchen. Die Eltern misstrauen der Einschätzung der Lehrperson und erschweren ihre Arbeit durch unnötige bis absurde Forderungen, unter denen schliesslich das Kind leidet.

 

Heute beim Mamakaffee, in Foren, Blogs und anderen Elterntreffs

„Wir sitzen jeden Tag über eine Stunde an den Hausaufgaben. Unser ganzes Familienleben leidet darunter. Dabei bringt das unserem Kind doch gar nichts!“

„Die Lehrerin unseres Kindes hat Ritalin vorgeschlagen, weil die ganze Klasse unter seiner Unruhe leide. Dürfen sich Kinder denn heutzutage überhaupt noch bewegen?“

„Am Elternabend hat die Kindergärtnerin gesagt, es sei eine Voraussetzung für den Chindsgi, dass die Kinder den Stift richtig halten und ihren Namen schreiben können. Muss ich jetzt hinsitzen und üben mit meinem Kind?!“

„Der Lehrer meines Kindes hat mich in der dritten Schulwoche angerufen und gesagt, es müsse beim Schulpsychologen abgeklärt werden, weil er sich nicht konform verhalte. Nach drei Wochen!“

 

Fazit: Die Lehrpersonen setzen Eltern und Kindern mit Forderungen und Aufgaben unter Druck. Die Lehrpersonen verlangen Abklärungen und Massnahmen, wenn die Kinder nicht ins „Schublädli“ passen. Die Lehrer akzeptieren nicht, dass Kinder verschieden sind und Zeit brauchen.

 

Gedankenanstösse

Das sind tatsächlich meine Erfahrungen aus den Paralleluniversen Schule und Elternhaus.

Sowohl auf Seite der Lehrpersonen, wie auch der Eltern sind Erwartungen vorhanden, aus denen Forderungen gestellt werden, die gegenseitig Druck erzeugen. Dazwischen stehen die Kinder, und auf diese fällt der Druck zurück.

Ich weiss nicht, warum das so ist. Vermutlich hat es damit zu tun, dass in unserer ganzen Gesellschaft  grundsätzlich ein hoher Erwartungs- und Leistungsdruck besteht, den wir einander zuschieben.

Ich habe keine Lösung bereit. Aber ich habe drei Gedankenanstösse:

 

1. Wir können über unsere Erwartungen nachzudenken

„Warum will ich, dass mein Kind in die Regel- und nicht in die Einschulungsklasse eingeschult wird? Welchen Beitrag erwarte ich von der Kindergärtnerin dazu? Was kann ich beitragen? Was will eigentlich mein Kind?

„Warum kann ich das Verhalten dieses Schülers/dieser Schülerin nicht akzeptieren? Leidet die Klasse wirklich darunter? Gibt es einen Beitrag, den die Eltern leisten können für eine Veränderung? Was kann ich/was kann die Schule beitragen? Was ist eigentlich die Motivation des Kindes?

 

2. Wir können miteinander reden

„Liebe Frau Z., unser Kind braucht so viel Zeit für die Hausaufgaben. Mich dünkt es zuviel. Können Sie mir sagen, was Ihre Überlegungen zu den Hausaufgaben sind?“

„Liebe Herr und Frau A., ich finde, ihr Kind benötigt keine Mathe-Nachhilfe. Warum finden Sie es nötig?“

 

3. Wir können uns auf die Seite des Kindes stellen und den Druck Druck sein lassen

„Fertig gelernt! Du kannst das Diktat nun eben so gut, wie du es kannst. Es genügt. Lass uns nach draussen gehen.“

„Du bist wirklich schon viel besser geworden im Lesen. Ich schreibe deinen Eltern einen Zettel, dass du nicht mehr jeden Abend eine halbe Stunde üben musst.“

 

Vielleicht können wir auf diese Weise Druck von uns selbst, und damit auch von den Kindern wegnehmen.

Habt ihr weitere Gedankenanstösse?

Eine Antwort zu “Pädagogischer Dienstag: Wer macht eigentlich wem Druck, und was können wir dagegen tun?

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