Pädagogischer Dienstag: Die Kinder Kinder sein lassen

In der Perfektwir-Rubrik „Pädagogischer Dienstag“ nehme ich jeweils an einem Dienstag Stellung zu einem Thema aus Schule oder Erziehung. Ich würde mich freuen über Reaktionen auf meine Gedanken und Diskussionen dazu.

Letzten Freitag las ich in der Zeitung, dass die UNO besorgt sei, weil in der Schweiz so viele AD(H)S-Diagnosen gestellt würden und so viele Kinder Ritalin verabreicht bekämen. Im Artikel wurde auch ein SVP-Politiker zitiert, der unter anderem sagte: „Lasst die Kinder Kinder sein!“ Verwundert rieb ich mir die Augen. Aus dieser politischen Ecke höre ich sonst immer Wörter wie „Leistung“, „Druck“, „keine Kuschelpädagogik“, „Selektion“. Nachdem ich mich genug gewundert hatte, freute ich mich. Offenbar ist der Wunsch nach weniger Druck auf die Kinder in allen politischen Lagern vorhanden. Darauf lässt sich doch aufbauen!

Am Wochenende las ich in einer Boulevard-Online-Zeitung, dass immer mehr Schweizer Kinder unter einem Burnout leiden würden. Dass sie zusammenbrechen unter dem Druck in der Schule, den vielen Freizeitaktivitäten, den Erwartungen der Eltern. Wie traurig, dachte ich, und wie gut, dass das Thema an die Öffentlichkeit gelangt.

Ich nahm mir vor, meinen nächsten pädagogischen Dienstag diesem Thema zu widmen: Dem Druck, den wir auf unsere Kinder ausüben. „Wir“ – die Gesellschaft, die Eltern, die Schule, die Politik.

Heute postete eine Freundin von mir einen Artikel auf Facebook mit dem Titel „Ich will doch nur spielen“ aus der „Zeit-Online“. Ich las und las und merkte: Das meine ich! In dem Text steht sozusagen alles, was ich auch schreiben wollte, nur viel ausführlicher und bestens recherchiert. Mit Zitaten von Remo Largo und Gerald Hüther, deren Bücher ich jeweils mit viel Kopfnicken lese. Es ist kein neuer Artikel, er wurde im September 2009 geschrieben (da war das perfekte Söhnchen gerade mal einen Monat alt!), aber das ändert nichts an seiner Aktualität.

Ich mache es mir heute also einfach. Statt selber zu formulieren, bleibe ich bei meinem Monatsmotto, arbeite an abzuschliessenden Projekten und empfehle euch, diesen Artikel von Tanja Stelzer zu lesen:

„Das therapierte Kind“ (Zeit-Online, 5. September 2009)

 

6 Antworten zu “Pädagogischer Dienstag: Die Kinder Kinder sein lassen

  1. Der Artikel gefällt mir und macht mich gleichzeitig nachdenklich. Im „Erziehungsdschungel“ fühle ich mich oft orientierungslos und überfordert. Dort wird mir dies geraten, dort wird mir das geraten… Was stimmt den nun und was nicht. Mein älterer kommt im Sommer in den Kindergarten. Hier kommt die Frage der Förderung ins Spiel. Meine Schwägerin hat mir eine Art „Zeugnis“ gezeigt, mit Punkten drauf, da stehen mir die Haare zu Berge. Und das alles sollen die Kinder im Kindergarten nach einem halben Jahr können. Hilfe, ich bin leider nicht so der „mit Kindern basteln“ Typ. Mein Sohn hat sich das Halten einer Schere mal kurz selbst beigebracht, ich habe ihm einfach eine Schachtel mit Stiften, Leim und Schere zur Verfügung gestellt – und eine ordentliche Menge Papier. Er werkelt gerne damit, aber macht er es auch „richtig“? Er kann seinen Namen noch nicht schreiben – er kennt zwar alle Buchstaben seines Namens – aber oje – seine Eltern haben ihm einen Namen mit 9 Zeichen gegeben. Diesen in die richtige Reihenfolge zu bringen ist ja auch wirklich nicht ganz einfach – aber wird er es nach einem halben Jahr Kindergarten können??? Und wenn er es nicht kann, wie werde ich reagieren? Geht dann das Therapieren los? Ich hoffe nicht… Ich merke aber, wie ich mir da manchmal selber Druck mache, auch aufgrund von Gesprächen mit anderen Müttern, deren Kinder auch in den Kindergarten kommen im Sommer. Ich versuche, den Druck nicht an meinen Sohn weiterzugeben – es soll nicht sein Druck werden, es ist ja meiner…

    • Liebe Michèle, danke für deine Offenheit! Mir purzeln ganz viele Gedanken durch den Kopf nach dem Lesen deines Kommentars, und ich freue mich darauf, sie zu sortieren und aufzuschreiben. Eine Antwort folgt.

      • Liebe Michèle, so, jetzt habe ich meine Gedanken sortiert.
        Ich kann deinen Druck nachvollziehen – schliesslich habe ich ihn mir selber auch gemacht. Dein Sohn kommt ins „System“ und wird verglichen und bewertet werden. Vielleicht bekommt er eine Kindergärtnerin, die viel Wert legt auf korrekte Stifthaltung und Namenschreiben, vielleicht aber auch eine, die kreative, lebensfrohe Jungs besonders schätzt ;-). Du weisst es einfach noch nicht. Ich möchte dich ermutigen, deinen Weg weiterzugehen, ihm beizubringen und zu zeigen, wofür er sich interessiert, und den Rest auf euch zukommen zu lassen. „Vorfördern“ macht meiner Erfahrung nach wenig Sinn, auch wenn ich es selber immer mal wieder versuche…
        Meine Erfahrung ist übrigens, dass die Kinder sehr viel voneinander lernen, und im Kindergarten ganz anders an Themen herangehen (und herangeführt werden) als zu Hause. Ich habe meinen Sohn z.B. immer als „schlechten“ Zeichner erlebt (resp. als Gar-nicht-Zeichner…), und im Kiga hat er für den Weihnachtsmarkt einen ganz tollen, ausdrucksstarken Engel gemalt!
        Noch zum Zeugnis im Kiga: Das kommt erst Ende Jahr, dein Sohn hat also ein ganzes Jahr Zeit, bevor er schriftlich bewertet wird! Bei uns in der Gemeinde haben die Kindergärtnerinnen sogar beschlossen, das Zeugnis im 1. Jahr ganz wegzulassen und erst am Ende der Kiga-Zeit eins abzugeben. Finde ich super!
        Was ich übrigens auch gemerkt habe: Es wird einfacher, wenn es mal losgegangen ist! Dann hat „de Chindsgi“ ein Gesicht und ist Realität und nicht mehr etwas Unbekanntes, das auf die Kinder und Eltern zukommt.
        Ich wünsche dir viel Mut und Gelassenheit!
        lg, Mirjam

  2. Kinder, Kinder sein lassen. Kennst du die Schule Villa Monte? In der Sendung Srf Kulturplatz kam letzthin ein Beitrag und im Bildung Schweiz ist das Buch zur Schule vorgestellt. Find es eine sehr spannende Sache…

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