Der Essensplan

„Mami,…“ sagte die perfekte Tochter vorletzte Woche einmal ganz vorsichtig beim Mittagessen, „i ha im Fall nömme so gärn Älplermagrone, wil du die so viel chochisch.“

Ihre Vorsicht war angebracht. Ich hatte die Wochen davor eine regelrechte Allergie entwickelt gegen Gemotze am Esstisch. „Das hani ned gärn!“, liess mich zuverlässig ausflippen oder einschnappen. „I wott kei vo dem!“, liess mich tief einatmen und kühl sagen: „Gern. Dann gibt es aber auch kein Dessert.“ Jegliche Art von Kritik am Essen auf dem Tisch, entlockte mir den Seufzer: „Könnt ihr das nächste Mal bitte auch sagen, wenn etwas recht ist?“

Ich bin dagegen, am Esstisch Kämpfe auszutragen, und das hat sich bis jetzt ganz gut bewährt. Ich ziehe zufriedene Esser der kulinarischen Vielfalt in meiner Küche vor (s. Alltagsküche) und bin zufrieden, wenn der perfekte Ehemann und ich am Wochenende mal etwas spezieller kochen. Wobei auch das in letzter Zeit weniger geworden ist, da sich die Kinder so an die Erfüllung ihrer Essenswünsche gewöhnt haben, dass sie es eine Zumutung finden, wenn es etwas anderes gibt.

Mich beschlich das unangenehme Gefühl, dass es in meiner Küche nicht mehr um Rücksicht auf die Vorlieben der Kinder und den Familienfrieden ging, sondern um ein massloses Verwöhnen. Daher meine Allergie auf jegliche Reklamation am Esstisch.

Der Älplermagronen-Einwand der perfekten Tochter aber brachte mich nicht zum Flippen oder Seufzen, sondern zu dem fast schon enthusiastischen Ausruf: „Eben! Mir geht es auch so! Ich habe genug davon, immer dasselbe zu kochen, aber wenn ich mal etwas Neues ausprobiere, motzt ihr. Und wenn du jetzt auch noch motzt, wenn ich dasselbe mache wie immer, dann weiss ich gar nicht mehr, was ich kochen soll!“

Nach ein bisschen Ratlosigkeit schlug die perfekte Tochter vor: „Wir könnten es so machen wie meine Freundin. Alle dürfen anfangs Woche zwei Menüs wählen.“

„Können wir. Sehr gern!“

 

Heute Morgen war es soweit. Bevor wir uns aufmachten, um den Wocheneinkauf zu erledigen, setzten wir uns zu dritt zusammen. Der perfekte Ehemann war bei der Arbeit, konnte also nicht wünschen, aber er wird auch selten mitessen.

„Hörnli und Ghackets!“, wünschte die perfekte Tochter.

„Raclette!“, der perfekte Sohn.

„Okay“, warf ich ein, „das muss aber am Wochenende sein, da brauchen wir den Papi. Ich wünsche Curryreis.“

„Omelette?“, fragte die perfekte Tochter, „oder hämmer das ersch gha?“

„Du musst wissen, ob du es wünschen willst!“

„Ich weiss nüt meh!“, rief der perfekte Sohn aufgeregt, „Fondue goht jo ned, wenn’s scho Raclette get!“

Ich wünschte noch „Spaghetti mit Pomodori-secchi-Sauce.“

„Chani Härdöpfel wünsche?“, fragte er.

„Klar. Und was dazu?“

„Gmües!“

„Und Fleisch?“

„Jo, Poulet!“

„Gut. Jetzt teilen wir die Menüs auf die Tage auf.“

Ich machte einen Plan und schrieb die Menüs hinein. Es kam die Frage auf, wie es mit dem Nachtessen sei.

„Kalt, dachte ich. Oder wollt ihr mal noch Apfelwähe?“

„Jo! Wenn?“

„Egal. Irgenwann wenn es passt.“

Die perfekte Tochter nahm mir den Stift aus der Hand und begann, Pfeile auf den Plan zu zeichnen, die zeigen sollten, dass wir „Kalt“ und „Apfelwähe“ noch nicht festgelegt haben. Dann schrieb sie den Namen des Wünschers dazu. Ich schrieb derweil die Einkaufsliste.

„Was heisst denn das?“

„Was? Ach – das heisst Resten. Wir haben immer ein paar Resten, die muss man auch einplanen.“

2015-01-26 11.47.48

Es fühlte sich gut an! Nicht allein für die Planung zuständig zu sein, sondern die Sache gemeinsam anzugehen. Und auch wenn sich die Innovation in unserer Küche auch diese Woche in Grenzen hält, sehe ich Potenzial.

Auf einen so kreativen Plan wird bestimmt bald eine kreative Küche folgen!

Das gemeinsame Einkaufen der Zutaten war dann auch noch eine schöne Sache, bis sich bei der Mutter eine massive Unterzuckerung einstellte, aber das wäre schon wieder die nächste Geschichte.

 

3 Antworten zu “Der Essensplan

  1. Ich liebe Pläne, die ich mit Kindern machen kann! Das werde ich definitiv machen wenn meine älter werden und unzufrieden mit dem Essen .
    Noch sind meine begeistert von meinem Essen 😉 – meistens jedenfalls.
    Lg Petra

    • Ich bin eigentlich kein Fan von Plänen im Familienalltag – das hat für mich zuviel von „organisierter Pädagogik“ ;-). Aber in dem Fall macht es wirklich Sinn für uns. Heute ist Tag 3, und es geht allen gut damit!

      • Auch wenn ich Pläne liebe haben wir – wenn überhaupt – einen Plan für eine Phase. Danach gibt es lange wieder keine, bis irgendwann eine Situation entsteht, die einen neuen Plan nötig macht. Wenn man dann schon die nötige Idee für die Umsetzung hat, ist das super – wie bei deinem Essensplan.
        Lg Petra

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