Das Wichtigste ist die Beziehung – und dann kommt das Unterhemd

Samstag Abend, eine halbe Stunde vor Beginn der Theateraufführung, die ich soufflieren werde. Äusserlich entspannt sitzen Schauspieler, Theatercoiffeuse und Souffleuse zusammen und unterhalten sich über – Kindererziehung. Der eine Schauspieler wird in ein paar Monaten Papa und für ihn ist klar: „Das Wichtigste ist, dass die Eltern den Kinder ein Vorbild sind! Wenn die Eltern sich nicht anständig benehmen, ist es klar, dass die Kinder das auch nicht tun.“ Ich zeige mich skeptisch: „Können wir darüber in fünf Jahren noch einmal reden? Also mein Sohn benimmt sich manchmal nicht so, als hätte er gute Vorbilder zuhause!“ – „Ja…“, wirft ein anderer Schauspieler, Vater dreier Kinder im Teenie-Alter, ein, „es gibt Phasen, in denen sich die Kinder nicht so benehmen, wie man es ihnen vorlebt. Mit drei, vier Jahren zum Beispiel. Trotzdem orientieren sie sich am Vorbild ihrer Eltern. Ich finde das Wichtigste, dass man für die Kinder da ist. Dass man den Kontakt zu ihnen hält, auch wenn es ihnen nicht gut geht oder etwas nicht so läuft, wie man es sich wünscht. Die ersten Jahre sind die prägendsten, da sollen die Kinder die Erfahrung machen, dass sie sich auf die Eltern verlassen können. Aber auch später, zum Beispiel während der Lehre.“ Die Coiffeuse, Mutter von drei erwachsenen Jungs, erzählt von ihren Erfahrungen mit dem Kontakthalten mit beinahe erwachsenen Kindern. Als der Mittlere einen „schwierigen“ Freundeskreis hatte, selber aber nicht anfing zu kiffen. Wie sie dem Jüngsten beistand, als er mit den Folgen seines ersten übertriebenen Alkoholkonsums kämpfte („Er weiss jetzt, was er verträgt und was nicht…“).

Schliesslich meinte sie: „Wichtig ist, dass man als Eltern die Kinder stärkt. Sie müssen ohne uns klar kommen im Leben und dazu müssen sie stark sein.“

Das Gespräch hat nicht wortwörtlich so stattgefunden, aber das sind die Aussagen, die mir in Erinnerung geblieben sind. Und an die ich dankbar zurück gedacht habe, als ich heute um Viertel nach acht erschöpft und aufgewühlt am Küchentisch sass. Nach einer halben Stunde Kampf mit dem perfekten Sohn um sein Unterhemd. „Du ziehst für den Waldmorgen dein Unterliibli an. Es ist kalt und du hustest. Ich diskutiere nicht darüber! Das ist etwas, was ich entscheide! Keine Diskussion!“ Es brauchte viele solcher Sätze, bis er sein Unterhemd anzog. Dafür würde er keine Jacke anziehen. „Natürlich ziehst du eine Jacke an! Gopfridstutz, nun benimm dich doch nicht wie ein kleines Kind! Es ist kalt, du gehst sicher nicht ohne Jacke aus dem Haus!“ – „Denn ohni Unterliibli!“ – „Nein! Mit Unterliibli!“ – „Denn ohni Jagge!“

Ich verabschiedete die perfekte Tochter, was mir etwas Abstand verschaffte, und ging dann zurück ins Haus zum Anzieh-Rebellen. Unglücklich und erschüttert stand er da, ohne Jacke und ganz offensichtlich ohne Möglichkeit zum Nachgeben. Ich nahm ihn in den Arm, er liess es zu und schluchzte: „I go ohni Jagge. Oder ohni Unterliibli.“ Ich gab mir einen Ruck. „Also. Zieh das Unterliibli aus.“

Fünf Minuten später verliess ein getröstetes, zufriedenes Kind mit warmem Pulli und warmer Jacke, aber ohne Unterhemd, das Haus und liess sich von mir zum Abschied küssen. Ich winkte ihm nach und setzte mich nachher an den Küchentisch, unzufrieden über den bisherigen Verlauf des Morgens. Gopfridstutz, es muss doch möglich sein, dass mein Kind ein Unterhemd anzieht, wenn ich das wichtig finde!

Dann kam mir eben das Gespräch in der Theater-Garderobe in den Sinn und ich begann, die Situation neu anzuschauen. Zum Glück habe ich den Kontakt zu meinem Sohn wieder hergestellt, bevor er gegangen ist! Wie gut, dass mir unsere Beziehung wichtiger ist als sein Unterhemd! Wie wichtig, dass er mit dem Gefühl von Angenommensein in die Woche starten konnte und nicht im Wissen, dass seine Mutter sein Unterhemd über seine Gefühle stellt.

DAS stärkt ihn. Das hält ihn gesund. Mehr als das blöde Hemd.

Es ist nicht einfach alles gut. Es bleibt ein Rest von „Gopfridstutz!“. Ich bleibe bei meiner Meinung, dass zu einem Winterwaldmorgen ein Unterliibli gehört und dass ich als Mutter das Recht und die Verantwortung habe, darüber zu entscheiden. Die Chance für weitere Diskussionen und Konflikte ist gross. Aber ich bin froh, dass der heutige Konflikt so geendet hat. Ich bin froh, dass ich gelernt habe, auch mal nachzugeben und die Beziehung zu meinem Sohn höher zu gewichten als mein Konsequent-Sein. Und ich bin froh um Eltern, die ihre Erfahrungen und Meinungen mit mir teilen und deren Worte bei mir am Küchentisch nachhallen. (Liebe Theaterleute, ihr werdet mir fehlen!!!)

Übrigens: Am Vorbild würde es nicht scheitern. Ich trage ein Unterliibli!

8 Antworten zu “Das Wichtigste ist die Beziehung – und dann kommt das Unterhemd

  1. Na, DIE Diskussion kenne ich nur zu gut. Meiner hat statt Unterhemd zugelassen, einen zweiten Pulli oder noch lieber ein Oberhemd über den ersten Pulli zu ziehen. Dann habe ich ein Unterhemd mit Piratenschiff drauf gefunden und seitdem lässt er sich auch mal breitschlagen, das zu tragen.
    Aber für und beide waren die zwei Pullis übereinander ein super Kompromiss in der Zeit.
    Es konnte übrigens auch T-Shirt über Pulli sein. 🙂

    • Danke für deine Kommentare, liebe Schnipseltippse! Die Idee mit dem T-shirt werde ich ausprobieren, resp. ich werde den perfekten Sohn fragen, wie wir das Problem lösen könnten und ihm das T-shirt vorschlagen. Aber weisst du, für mich macht es einen Unterschied, ob ich den Unterhemd-Kampf mit einem Dreijährigen führen muss, der mitten in der Selbstständigkeits-Phase steckt, oder mit einem Fünfjährigen, der ebendiese Phase sehr ausgiebig gelebt hat (wie ich finde…). Ihm das Unterhemd (oder einen Ersatz dafür) anzudrehen, ist das eine, aber das andere – für mich entscheidendere – ist, wie wir solche Meinungsverschiedenheiten ohne kräfteraubenden Machtkampf austragen können. Warum löst eine „kleine“ Forderung von mir eine derartige Rebellion aus? Und wie kann ich dieser begegnen? Was will ich jetzt für ein Fundament legen, auf das wir in Zukunft aufbauen können? Bei diesen Fragen bleibe ich immer wieder stecken.

      • Ach, er ist schon fünf? Ups, da habe ich etwas verwechselt. Ich dachte, er sei auch drei. Sorry : )
        Und ich verstehe, worauf du hinaus willst. Erziehung ist oft eine Gratwanderung, da muss man ganz tief in sich reinhorchen und sich fragen, welche Ziele man verfolgt. Ich denke, es gibt Dinge, da kann man ruhig Kompromisse eingehen. Kleidung ist für mich so ein Ding. Ich habe z.B. als Kind gehasst, dass ich im Winter immer Schals tragen sollte. Kaum außer Sichtweite habe ich den dann auch abgemacht und in die Tasche gestopft. Mir war einfach nicht kalt. Mein Mann geht in T-Shirt und Badelatschen Schnee schippen. Eine Jacke trägt er nur, wenn ich schon gar nicht mehr raus gegen mag vor Kälte.
        Bei meinen anderen Kindern habe ich die Erfahrung gemacht, dass sie es dann schon sagen, wenn ihnen kalt wird.
        Also nahm ich was mit, aber ich liess sie entscheiden, ob und wann sie es wollten.
        Keine Diskussionen gibt es bei mir dagegen z.B. in Sachen Schimpfwörter, Höflichkeit und nettem Miteinanderleben, oder Hygiene. Was da sein muss, muss sein, auch wenn es Gebrüll gibt.
        Da alle Kinder so unterschiedlich sind und es keine Universalanleitung geben kann, muss man halt viel aus dem Bauch heraus entscheiden.

        • „Tief in sich reinhorchen und sich fragen, welche Ziele man verfolgt“ – du hast sehr schön ausgedrückt, was ich in solchen Situationen wichtig finde. Es ist einfach so schwierig, wenn man mitten im Konflikt steckt und unter Druck steht! Aber ich lerne und kann es tatsächlich viel besser als noch vor einem Jahr. Gut, ich hatte ja auch viele Übungsmöglichkeiten :-).

          • Ja, ist klar, mitten im Wirbelsturm hat man keine Zeit, klar zu denken. Da ist höchstens Schadensbegrenzung angesagt 🙂
            Nein, damit muss man sich in ruhigen Momenten auseinander setzen und Punkt für Punkt überlegen. Und auch mit den Kind in einem harmonischen Moment das Gespräch suchen und eventuell Kompromisse finden, wo man bereit ist, welche einzugehen. Aber natürlich auch ganz klar zum Ausdruck bringen, wo man hart bleibt, erklären warum und was eine Missachtung gegebenenfalls für Konsequenzen mit sich bringt. Logische Konsequenzen klingen immer gut und sind auch toll, wenn sie funktionieren, aber ich habe mit meinen großen Kindern die Erfahrung gemacht, dass nur das zieht, was wirklich weh tut. Im übertragenen Sinne natürlich. Mein Großer durfte einmal einen Monat lang absolut nicht Computer spielen. Das zog. Meiner Tochter war der Computer egal, bei ihr war es Abmach-Verbot, also eine gewisse Zeit keine Freundinnen treffen. Hört sich vielleicht brutal an, aber sie kannten die Regeln, und er sich nicht daran hielt, musste halt mit so etwas rechnen. Bei den jüngeren Geschwistern gab es dann schon gar nicht mehr so viele Stories, weil sie das bei den Älteren ja mitbekommen hatten. 🙂
            Sorry für den Roman. 😉

  2. Ich verrenne mich manchmal auch so in eine Sache, die meine Tochter doch eigentlich so machen solle, wie ich das denke, dass ich mir im Nachhinein Vorwürfe mache, dass das beziehungstechnisch nicht hilfreich war. Wenn ich es selbst merke, dann schaffe ich die Kurve manchmal – so wie du es beschrieben hast – und manchmal auch zu spät – dann entschuldige ich mich bei ihr.
    Danke für den Artikel, er hat mich sehr bestärkt, weiterhin auf Beziehung zu setzen 🙂
    LG
    Petra

    • Das freut mich, liebe Petra. Ich bin in der Theorie überzeugt, dass es richtig ist, auf Beziehung zu setzen, aber wie du schreibst: Wenn man sich mal verrannt hat, ist es schwierig, die Kurve zu kriegen. Was man sich ganz bildlich vorstellen kann :-).

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