Uhrzeit zur Unzeit

Es ist das Thema, das mich als Unterstufenlehrerin regelmässig an den Rand meiner didaktischen Fähigkeiten brachte: Die Uhrzeit.

Sie zu erlernen ist ein Lernziel der 2. Klasse und meine Erfahrung ist: Entweder die Kinder begreifen sie mehr oder weniger auf Anhieb oder sie begreifen sie während des ganzen Themas „Uhrzeit“ nicht. Eher kam ich selber durcheinander mit dem ganzen vor und nach und rückwärts und vorwärts und all den Minuten, Sekunden und Viertelstunden, als dass ich es einem verwirrten Kind hätte erklären können.

Meine Erklärung für das Phänomen ist: Die Uhrzeit muss man im Alltag lernen. Es funktioniert nicht im klinischen Schulklima während der sechs Wochen, die für das Thema vorgesehen sind. Uhrzeit gehört in die Praxis, nicht in die Theorie. Und es braucht noch mehr als bei anderen Inhalten die Einsicht des Schülers, dass der Lerninhalt Sinn macht. Dass er etwas davon hat, die Uhr zu verstehen. Natürlich habe ich versucht, die Praxis ins Schulzimmer zu holen, immer mal wieder nach der Uhrzeit gefragt oder den fehlenden Minuten bis zur Pause, aber auch das hat hauptsächlich die Kinder angesprochen, die sowieso schon Interesse hatten am Thema. Zu meiner Erfahrung mit dem Thema gehört übrigens auch, dass die meistens Kinder die Uhrzeit schon irgendwann während der 2. Klasse begreifen, einige halt einfach völlig ausserhalb meiner Jahresplanung.

Trotzdem, mein Appell an die Eltern ist: Liebe Eltern, bitte baut die Uhr, die Uhrzeit und wenn möglich gleich noch die Wochentage, Monate und Jahreszeiten bewusst in euer Familienleben ein, lasst die Kinder Zeit erleben, thematisiert sie, fragt nach ihr. Die Schule übernimmt dafür die Verantwortung für die Rechtschreibung (zum Beispiel).

Und wie hält es denn die perfekte Familie mit dem Erlernen der Uhrzeit? Eben – sie thematisiert, sie baut ein, sie gibt zeitliche Richtlinien, sie beantwortet Fragen, sie lässt ihren Kindern Armbanduhren schenken, die sie dann doch immer vergessen anzuziehen, sie hängt vor den Kinderzimmern eine Wanduhr auf, sie erzählt Büechli zum Thema. Dies mit viel Erfolg, wie mir vor einigen Tagen bewusst wurde.

„Mami, gäll, es isch zwänzg Minute vor zwei?“, rief die perfekte Tochter aus der Mittagsruhe.

Ein Blick auf meine Uhr und dann meine Antwort: „Genau!“

„Weisch, i ha eifach d’Strichli zählt vom zwölfi zrugg bis zum grosse Zeiger.“

„Super, genauso findest du es heraus!“, rief ich ermutigend nach oben und las weiter.

„Mami“, rief es kurz darauf, „gäll, jetzt isch es achtzäh Minute vor zwei?“

„Genau.“

„Weisch, i ha weder zählt.“

„Guet!“

Es wurde fünfzehn Minuten vor zwei („Dem kann man Viertel vor sagen.“ – „Werum?“ – „Eifach.“), zwölf Minuten vor zwei, sieben Minuten vor zwei und danach hat sie zum Glück vergessen, weiter auf die Uhr zu schauen. Ich wunderte mich, ob es mit „nach“ wohl auch schon klappte, wagte aber nicht nachzufragen. Die Antwort kam eines Abends.

„Papi“, rief die perfekte Tochter, „gäll, es isch 58 Minute vor nüüni! Weisch, i ha eifach d’Strichli zählt!“

Genau. Und den Rest kann ihr ja dann die Lehrerin in der 2. Klasse beibringen.

Vierundvierzig Minuten vor drei Uhr.

Vierundvierzig Minuten vor drei Uhr.

8 Antworten zu “Uhrzeit zur Unzeit

  1. Klasse, ich finde eure Dialoge immer unglaublich unterhaltsam 🙂 die Zeitvorstellung meiner Kleinen besteht gerade aus gestern, jetzt und morgen – auch schon ein erster Schritt in die richtige Richtung.

  2. Hallo Mirjam, ich bin erst seit kurzem auf Deine Seite gestossen. Ich finde Deine Einträge superwitzig! Wie das Leben! Ich brauche mehr davon! Weiter so!

  3. & was wenn die Uhrzeit meine (auch perfekte) Tochter einfach nicht interessiert? Armbanduhr bleibt zu 97 % im Kinderzimmer, sie könnte dreckig werden oder an 3 von 5 Tagen in der Turnstunde liegen bleiben. Ok, eine Wanduhr montieren ist eine bäumige Idee. Mal schauen obs nützt. Ev. kann ich meine (auch perfekte) kleine Tochter dazu motivieren. Wie beim Schuhe binden. Das haben sie am selben Tag gelernt 😃.

    Ich sehe, ich sollte definitiv öfters deinen Blog lesen. So unterhaltsam!! Mach weiter so – ich freue mich dich nächste Woche zu sehen!

    • Ich freue mich auch, Pati :-)! Wenn deine perfekten Töchter deine Zeit-Lernangebote noch nicht aktiv annehmen, haben sie wahrscheinlich gerade anderes zum Lernen. Weiter anbieten, passiv lernen lassen und irgendwann wird das Interesse da sein (voraussichtlich).

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