Grenzen aus innerer Überzeugung, nicht aus Prinzip

„Wäre es nötig oder zumindest sinnvoll, mehr Konflikte auszutragen und das Kind nicht mehr barfuss aufs Riitiseili zu lassen? Würde es die Testphase verkürzen, wenn er mehr Widerstand hätte von mir? Wie könnte denn dieser Widerstand aussehen, wenn er gewaltfrei bleiben soll (“Entweder du ziehst Schuhe an oder du gehst barfuss in den Keller!”, würde wohl nicht oft funktionieren)? Jetzt habe ich doch soeben gelernt, nicht jede Schlacht zu schlagen, und das Eisen zu schmieden, wenn es kalt ist, und schon frage ich mich wieder, ob ich damit das Schlachtfeld nicht allzu häufig dem Thronfolger überlasse, statt die Hierarchie zu wahren!“

Zehn Tage ist es her, seit ich diese und andere Fragen in die Runde des World Wide Web geworfen habe. Sehr geholfen hat mir daraufhin die Antwort von Marianne, die mich daran erinnerte, dass Kinder, die genug Aufmerksamkeit bekommen, weniger Grenzen testen müssen. Auch sehr wohltuend waren alle schriftlichen und mündlichen Solidaritätsbekundungen im Sinn von „Ach, weisst du, bei uns ist das auch so…“. Danke, ihr lieben Mitmütter!

Der perfekte Sohn hat in den letzten Tagen sporadisch weiter getestet und ich habe in vielen dieser Testsituationen eine Haltung entwickelt, die da ungefähr lautet: „Mein liebes Kind, du darfst wütend sein, du darfst hässig sein, du darfst schlecht gelaunt sein, aber du darfst deinen Ärger nicht an deiner Schwester und mir auslassen! Wir stehen nicht mehr zur Verfügung, such dir eine andere Strategie.“ Ich habe mich sozusagen den Tests entzogen, ohne den Tester dabei zu ignorieren. Es war ab und zu laut bei uns und der Haussegen hing schief, aber es waren kurze Sequenzen und ich habe wieder einmal gestaunt, wie hilfreich es für mich ist, wenn ich weiss, was ich will und was nicht (Sara, ob ich dabei auch weiss, was ich TUE, ist eine andere Frage :-)). Schwierig wurde es, als ich Kopf- und Halsschmerzen hatte und eigentlich nur wusste, dass ich in Ruhe gelassen werden wollte. Diese Überzeugung reichte nicht aus, um dem perfekten Sohn Eindruck zu machen.

Ansonsten gehe ich für die aktuelle Testphase auf diesem Weg weiter: Ich achte darauf, dass die Liebestanks gefüllt sind und ich halte meine Grenzen ein. Nicht Widerstand um des Widerstands willen, sondern dann, wenn er für das Familienleben Sinn macht.

Bestätigt werde ich darin von Jesper Juul, der in seinem Familienkalender am heutigen 9. November 2014 sagt:

2014-11-09 16.06.17

 

(Nach einem kinderfreien Wochenende tönt das ganz einfach und logisch. Das Testen der Praxistauglichkeit geht ab heute Abend in die nächste Runde!)

8 Antworten zu “Grenzen aus innerer Überzeugung, nicht aus Prinzip

  1. ach, der gute herr juul! – vielleicht tun wir alle dies: wir schwimmen – machen dabei unsere erfahrungen, gehen untern, tauchen auf, holen luft, schwimmen weiter – und immer wieder gelingt ein guter schwimmzug (und ja, vielleicht wird unser stil insgesamt passender, stimmiger… bis zur nächsten welle oder dem nächsten orkan).

  2. Ich habe gerade vor ein paar Stunden meinem 3 jährigen ein großes Kissen gegeben, das er schlagen, treten kneifen, beissen etc darf, wenn er Wut im Bauch hat. Bin gespannt, ob er daran denkt beim nächsten „Anfall“. Ansonsten versuche ich das Wort „Nein“ so gut es geht zu vermeiden. (Nicht so viele kleine Neins, damit die großen noch ziehen. )
    LG
    Schnipseltippse

    • Herzlich willkommen hier, Schnipseltippse (dein Name gefällt mir :-)!). Die Kissenidee finde ich super, leider hat sie beim perfekten Sohn nicht funktioniert. Vielleicht habe ich es zu wenig versucht, aber ich hatte immer den Eindruck, er MÜSSE in Wutmomenten „auf den Mann spielen“ und seine Wut an mir oder seiner Schwester auslassen. Ich werde ihm die Strategie aber noch einmal aufzeigen, jetzt wo er älter ist.

      • Ich habe festgestellt, dass es bei uns besser läuft, seit ich das Wörtchen Nein so gut wie es geht vermeide. Und seit ich ihn in Wutmomenten gleich in den Arm nehme, als ihn erst toben zu lassen, wie ich es sonst gemacht habe.
        Also das heisst jetzt nicht, dass er Narrenfreiheit geniesst, aber ich habe gemerkt, dass ich ohne Nein genauso konsequent sein kann und er ohne dieses „rote Tuch“ viel zugänglicher bleibt. 🙂
        Grüessli 🙂

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s