Wie viel Mutter-Sohn-Streit ist nötig?

Der perfekte Sohn sass letzte Woche bei 10° Aussentemperatur barfuss und ohne Jacke auf dem Riitiseili. Weil ich bei der Diskussion um angemessene Kleidung zähneknirschend an Jesper Juul gedacht und die Verantwortung an meinen Sohn abgetreten hatte.

Der perfekte Sohn ass diese Woche ein exklusives Raclette aus der Mikrowelle, während wir anderen (inkl. seinem Gotti) Wildreis assen. Weil er Wildreis eine absolute Zumutung findet und der perfekte Ehemann die Nörgelei am Tisch nicht haben wollte (und weil wir noch so ein blödes Resteli Raclettekäse hatten).

Der perfekte Sohn schleifte diese Woche sein Gilet in den Kindergarten und zurück. Weil ich darauf bestand, dass er es mitnehmen müsse, und er darauf bestand, es nicht anzuziehen.

Aber ein Punkt in unserem Tagesablauf ist nicht verhandelbar: die Mittagsruhe.

„Entweder ich mache Mittagsrueh verusse oder überunde!“, lautete die Kampfansage des perfekten Sohnes heute Nachmittag. „Vergiss es“, lautete meine Antwort, „du gehst nach oben wie immer.“ – „ENTWEDER…“, wiederholte er und ich wiederholte auch. „CHASCH UUSLÄSE!“, brüllte er, „DUSSE ODER ÜBERUNDE!“ – „Du kennst meine Antwort. Sie hat sich nicht geändert und wird sich nicht ändern.“

Er zog die Schuhe an. Ich zog sie ihm aus. Er grinste. Ich nicht. Ich packte ihn am Arm und versuchte, ihn Richtung Treppe zu führen. Hörte gleich wieder auf – auf sinnlose und kraftraubende Gewaltanwendung kann ich mittlerweile verzichten. Er zog die Schuhe wieder an. Ich schaute ihn an und konnte nicht glauben, dass ich ohne Handhabe dastand und meinen Sohn machen lassen sollte. In einem Punkt, der nicht verhandelbar ist!

„Okay! Weisst du was?! Von mir bekommst du heute weder Zvieri noch Znacht! Wenn du nicht machst, was ich sage, mache ich auch nichts mehr für dich! ICH BI DOCH DO NED DE LÖÖLI!!!“ Mit diesen Worten rauschte ich in die Küche und versuchte, nicht daran zu denken, was ich machen würde, wenn er tatsächlich nach draussen ginge.

„Du bisch blöd!“, schrie er. „Du auch!“, schrie ich zurück. (Wirklich – hab ich gemacht.) Er rauschte auch in die Küche (ohne Schuhe) und sah aus, als ob er mich schlagen wollte. „Denk nicht dran, mich zu schlagen!“ Jetzt packte ich ihn doch und zog ihn in den Gang. Vor der Treppe hielt ich an und sagte: „So. Entweder gehst du jetzt hinauf. Oder du gehst hinunter und machst die Mittagsruhe im Keller!“ – „Also guet!“ Er stampfte nach oben.

Ja, ich war froh, dass der Konflikt damit beendet war. Aber gut fühlte ich mich nicht. „War das wirklich nötig?!“, rief ich ihm nach. Und dann gab es Kaffee. Und Zeitungslektüre. Draussen!

 

Ehrlich – ist es nötig?

Von ihm her bestimmt, er muss Grenzen testen, er muss herausfinden, was gilt und was nicht, wo er mitbestimmen kann und wo nicht. Aus meiner Sicht zieht sich diese Testphase etwas gar in die Länge und langsam geht mir die Puste aus, aber offenbar ist aus seiner Sicht noch nicht alles klar. Dass er in Momenten testet, die richtig Action versprechen, oder dann, wenn er selber nicht hundertprozentig fit ist, kann man ja auch nachvollziehen. Irgendwie.

Von mir her ist es auch nötig. Natürlich hätte ich sagen können: „MACH DOCH, WAS D‘ WOTSCH!“ Dann hätte ich aber die Grenze weiter gesteckt, als es mir wohl ist, und so etwas könnte die Testphase noch mehr verlängern. Ich hätte mich auch mit ihm hinsetzen können und basisdemokratisch entscheiden, was wir jetzt mit diesem Interessenskonflikt machen. Dazu hatte ich weder Lust noch Energie kurz vor der Mittagsruhe. Darum bestehe ich ja auf sie!

Ja, wahrscheinlich war er tatsächlich nötig, dieser Streit.

Und die anderen Situationen? Wäre es nötig oder zumindest sinnvoll, mehr Konflikte auszutragen und das Kind nicht mehr barfuss aufs Riitiseili zu lassen? Würde es die Testphase verkürzen, wenn er mehr Widerstand hätte von mir? Wie könnte denn dieser Widerstand aussehen, wenn er gewaltfrei bleiben soll („Entweder du ziehst Schuhe an oder du gehst barfuss in den Keller!“, würde wohl nicht oft funktionieren)? Jetzt habe ich doch soeben gelernt, nicht jede Schlacht zu schlagen, und das Eisen zu schmieden, wenn es kalt ist, und schon frage ich mich wieder, ob ich damit das Schlachtfeld nicht allzu häufig dem Thronfolger überlasse, statt die Hierarchie zu wahren!

Da fragt man sich schon fast, ob diese Fragen nötig sind…

Ich sage auch hier: Ja, sie sind nötig. Aber es ist nicht nötig, sofort Antworten zu finden. Über Meinungen und Erfahrungen hingegen würde ich mich freuen!

2014-10-29 14.56.54

8 Antworten zu “Wie viel Mutter-Sohn-Streit ist nötig?

  1. ich habe gestern irgendwo gelesen, dass eigentlich – wenn wir ehrlich sind – keine mutter wirklich weiss, was sie tut. so fühle ich mich heute auch & sitze einmal mehr chli zu dir ins boot. schön, dass ich nicht allein bin hier (und das ist heute mehr als ein schwacher trost).

    • Danke, dass du dich zu mir ins Boot setzt – das ist schöner, als allein zu sein. Noch lieber würde ich mich allerdings mit dir in ein anderes Boot setzen. An einem anderen Tag… Und du, dass man nicht wirklich weiss, was man tut, stimmt sicher. Ich finde/fände es einfach schön, wenn man beim Drübernachdenken merkt, dass es irgendwie Sinn gemacht hat.

  2. Ich fühle total mit dir. Habe heute begonnen, ein Buch über Agressionen zu lesen – woher ich das wohl habe? 😉 Hat mich zum Schmunzeln gebracht und lässt mich hoffen, in Zukunft mehr danach zu handeln…

    • Liebe Michèle, das Buch sollte ich wohl auch einmal lesen 😉 – also wieder einmal. Lass dir Zeit mit Lesen und lass mich wissen, wenn du eine Handlungsweise siehst, die ich überlesen oder wieder vergessen habe!

  3. Ein weibliches Pendant deines perfekten Sohnes schlummert jetzt friedlich in ihrem Bett in unserem Haus… Ich schaffe den friedlichen Umgang mit ihr dann, wenn ich genügend Zeit und Ruhe habe, um meine ganze Aufmerksamkeit ihr zuzuwenden. So geschehen heute Morgen, als sie als einzige der drei Kinder aus dem Haus musste. Sobald ich mich aufteilen muss, ist der Friede dahin und wir stehen zusammen im Sägemehl – fehlen nur noch die Schwingerhosen…
    Ich setze mich gerne auch noch zu euch ins Boot und hoffe, dass der Sturm nicht zu hohe Wellen schlägt.

    • Liebe Marianne, willkommen an Bord! Es tut wirklich gut, nicht allein zu sein und hilft beim Merken, dass der Sturm eigentlich nichts daran ändert, dass die „Kinder gut“ sind. Das ist wohl einfach ein Teil des Familienalltags. Und weisst du, was mir auch noch gut tut? Dass es bei dir eine Tochter ist! Manchmal komme ich schon ins Grübeln, ob ein Junge es einfach schwerer hat mit seinem Mami als ein Mädchen. Aber es geht in dem Fall wohl wirklich ums Individuum (um die Individuums – Individii).

      • Ja, ich denke, es ist nicht einfach eine Geschlechterfrage, sondern hat mit der Persönlichkeit des Kindes zu tun. Ausserdem habe ich noch einen Sohn mit ähnlichen Charakterzügen in Lauerposition…

        • Oh – ich hoffe, das Lauern dauert noch ein wenig an… :-). Bei deinem ersten Kommentar habe ich mir übrigens den Punkt mit der Aufmerksamkeit noch gemerkt. Vorbeugen statt ausbaden! Danke für den Hinweis. Ich gehe jetzt gleich zu meinen Kindern.

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