Monatsmotto September „Bad Moms“: Wie sind eigentlich die Guten?

Während meiner Weiterbildung zur „Fachfrau Integrationsförderung im Frühbereich“ wurden wir in einem Modul mit unserem Verständnis von „guten Müttern“, „guten Vätern“ und „guten Eltern“ konfrontiert. Dazu gab uns die Dozentin eine Liste von Rückmeldungen, die junge Lehrerinnen und Lehrer auf diese Fragen gegeben hatten. Einige Auszüge daraus:

Die gute Mutter

  1. schickt das Kind immer pünktlich in die Schule, aber auch nicht zu früh
  2. sorgt dafür, dass das Kind anständig angezogen ist (kein bauchfrei, kein Piercing, saubere Kleider)
  3. übt mit dem Kind, sich zu konzentrieren (kein TV, keine Computerspiele)
  4. sorgt dafür, dass sich das Kind gesund ernährt
  5. bringt dem Kind Anstand bei (danke, bitte sagen, nicht fluchen)
  6. erzieht das Kind zur Selbstständigkeit
  7. ist immer zu Hause, wenn das Kind aus der Schule kommt
  8. kontrolliert täglich, dass die Hausaufgaben gemacht werden

Die Reaktionen von uns Kursteilnehmerinnen waren heftig. Wir empörten uns über dieses einseitige Bild der guten Mutter, deren Hauptaufgabe darin besteht, ihr Kind für Schule und Gesellschaft funktionsfähig zu machen. Ich bin dann ein bisschen für die Junglehrerinnen in die Bresche gesprungen, weil diese Themen im Schulalltag tatsächlich wichtig sein können und die Realität tatsächlich so ist, dass sie meistens in der Verantwortung der Mütter liegen.

Aus heutiger Sicht kann ich zudem sagen: Tolles Mutterbild. In dem Fall war ich diese Woche nämlich zum grössten Teil eine „good Mom“! Aber gehen wir es Punkt für Punkt durch:

  1. Erfüllt, ausser am Dienstagnachmittag. Aber da wollte der perfekte Sohn unbedingt vor der Kindergärtnerin im Chindsgi sein, das war seine Entscheidung, ICH habe ihn nicht zu früh losgeschickt.
  2. Ich gehe davon aus, dass der Kniebereich von Bubenhosen von dieser Forderung ausgenommen ist. So gesehen: erfüllt.
  3. Kein TV, ein Kind einmal während 10 min Computerspiele. Wie man sonst zuhause aktiv das Konzentrieren übt, müssten mir die Junglehrerinnen noch erklären. Also teilweise erfüllt.
  4. Aber ja. Und was Mami und Papi abends vor dem Fernseher essen und trinken, kriegen die Kinder ja nicht mit.
  5. „Wie seit me? Hesch Danke gseit?“ Ich hab’s wieder einmal gesagt in der Apotheke nach dem Truubezückerli und mich dabei blöd gefühlt. Möglicherweise versage ich in diesem Punkt als Mutter komplett.
  6. Erfahrung von dieser Woche (und eigentlich immer): Wenn die perfekten Kinder etwas von sich aus wollen, sind sie sehr selbstständig. Die anderen Sachen machen sie auch selbstständig, spätestens nachdem ich sie fünfundfünzig Mal daran erinnert habe. Ob das als „Erziehung zur Selbstständigkeit“ gilt?
  7. Erfüllt!
  8. Wenn Kontrolle heisst „schauen, dass es gemacht wird und bei Bedarf zu Hilfe eilen“, habe ich erfüllt. Wenn es heisst „schauen, dass alles korrekt und sorgfältig gemacht wird“ nicht.

Die Junglehrerinnen- und lehrer hatten auch eine Meinung zum „guten Vater“. Leider muss ich sagen, dass der perfekte Ehemann in dieser Woche komplett versagt hat! Weder war er „täglich um 17 Uhr zuhause und hat mit den Kindern gespielt“, noch hat er sie speziell „angespornt, Ehrgeiz zu entwickeln und motiviert einen Beruf zu lernen“. Ich glaube auch nicht, dass er ihnen „die politischen Regeln der Schweiz beigebracht hat“. (Ich dafür: Ich habe der perfekten Tochter den Stimmrechtsausweis erklärt, nachdem sie meinte, man könne ja einfach hundert Zettel mit der eigenen Meinung abgeben bei Abstimmungen.)

„Gute Eltern“ waren wir übrigens auch nur teilweise: Wir waren zwar am Elterngespräch, haben aber keinen Kuchen mitgebracht. Die Einschätzung der Kindergärtnerin haben wir akzeptiert und Rekurs haben wir keinen eingelegt, allerdings haben wir es versäumt, dem Schulleiter zu melden, wie toll die Lehrerinnen unserer Kinder sind. (Bei diesem Teil der Umfrage frage ich mich allerdings ernsthaft, ob die Junglehrerinnen die Sache nicht einfach ins Lächerliche gezogen haben!)

Wie auch immer, etwas erschrocken bin ich schon, wie brav ich dem Klischee der „guten Mutter“ entspreche. Ob das daran liegt, dass ich auch einmal eine Junglehrerin war???

Ich werde nun nicht anfangen, meine Kinder absichtlich zu spät und in schmutzigen Kleidern in die Schule und den Kindergarten zu schicken und ich werde sie auch nicht zu einem Piercing ermutigen, aber ich will mich nächste Woche immer wieder fragen: Tue/sage ich das jetzt gerade, weil ich es tatsächlich so meine, oder bin ich dabei, irgendwelche „Gute-Mutter-Klischees“ zu erfüllen?

2014-08-15 14.47.26

Hier findet ihr den Anfang des „Bad Mom“-Themas.

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