Genügsamkeit lernen

Theorie

„I wott scharfi Sauce!“, motzt der perfekte Sohn vor der von seiner Grossmutter wunderschön angerichteten Platte mit Dip-Gemüse inklusive Sauce (aber keiner scharfen).

„I wott kei Härdöpfel! Die hani nid gärn. I wott öppis anders ässe!“, heult die perfekte Tochter und vergisst, danke zu sagen für die Peperoni, die ihr Vater extra für sie gekocht hat.

„I wott kei Chind, wo nid dankbar sind für das, wo si überchöme, sondern immer no en Äxtrawunsch händ“, jammere ich und beschliesse eine sanfte Erziehungsmethodenumstellung.

Nur noch eine Dipsauce vor dem Zmittag, mal die eine, mal die andere. Keine Frage nach dem gerade gewünschten Sirup, es gibt den, den ich mache oder Wasser. Die Auswahl an Süssem im Schrank wird reduziert. Gut möglich, dass es mal die Lieblingsfrucht des einen Kindes hat und die des anderen nicht. Dafür ein anderes Mal umgekehrt. Das Znüni wird auf den Tisch gestellt und kann gegessen werden oder nicht. Undsoweiter. Nicht, weil ich meinen Kindern das Leben schwer machen will. Auch nicht, weil ich es falsch finde, dass sie ihre Vorlieben und Meinungen haben. Sondern weil ich ihnen nicht den Eindruck vermitteln will, das Leben werde sich immer an ihre exakten Bedürfnisse halten und sie hätten den Anspruch darauf, dass alle um sie herum sich darum bemühen. Weil ich finde, „Genügsamkeit“ ist zwar ein irgendwie mühsames, sperriges Wort, aber ein wenig davon würde allen gut tun.

Praxis

Es ist Tageskindertag und es gibt die Dipsauce, die von den meisten bevorzugt wird. Ich stelle sie auf den Tisch und der perfekte Sohn realisiert nach kurzer Zeit: „Es het kei scharfi Sauce!“ – „Genau. Ich mache von nun an nur noch eine Sauce. Heute die Lieblingssauce der anderen.“ – „Aber i wott scharfi Sauce!!!!“ Ich nehme dies zur Kenntnis. „I mache mer sie sälber!“ Ich bin gespannt. „Gisch mer bitte es Schäleli?“ Mache ich. Er nimmt die bereits gemachte Sauce, schöpft einen Teil in sein Schäleli, holt Ketchup aus dem Kühschrank und rührt es darunter. „Gisch mer bitte Sambal Oelek?“ Auch das mache ich und er macht eine richtig scharfe Sauce. „So. Jetzt hani si. Und sie isch viel feiner als die vo dir!“, strahlt er und geniesst sein ganz persönliches Sösseli.

Reflexion

Naja. Ich kann mir jetzt schon eine pädagogische These zusammen schustern von wegen „Selbstwirksamkeit – sich selber zu helfen wissen – die Initiative ergreifen – …“, aber ich werde das Gefühl nicht los, dass die Sache bisher nicht wirklich erfolgreich läuft für mich.

Eine Antwort zu “Genügsamkeit lernen

  1. 🙂 wie wunder-, wunder-, wunderbar, dass du die „schöne theorie“ nicht zusammenbastelst, sondern fragend bleibst. es kommt schon gut!

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