Die Grenzen der Kooperation

Wegen der zahlreichen Ausserhaus-Programme meiner Kinder spielen sich viele erzählenswerte Episoden in der Mittagsruhe ab. So auch diese: Ich sass auf dem Sofa, hielt Stille Zeit und beschloss, mich davon nicht abhalten zu lassen, als ich meinen Sohn die Treppe runter schleichen hörte. „Mami, darf ich en Kaugummi ha?“ – „Nein.“ – „Es Hueschtetäfeli?“ – „Nein.“ Er zögerte, öffnete die Schublade der Kommode und beschloss: „Ich neme gliich eis.“ Ich zögerte auch, beschloss, immer noch sitzen zu bleiben, und sagte: „Mach das. Du bekommst dann aber morgen nach dem Zmittag nichts Süsses.“ – „Isch egal.“ Nun fiel ich doch etwas aus meiner Ruhe. „Das wird aber hart. Die Tageskinder sind dann da und du wirst der einzige sein, der nichts Süsses bekommt.“ Darauf er, unterdessen mit Hustenbonbon im Mund: „Bis denn hesch du das eh vergässe.“ Damit verzog er sich nach oben.

Nach Mittagsruhe und Stiller Zeit schrieb ich einen Zettel: „Perfekter Sohn, kein Süsses“ und klebte ihn an den Küchenschrank. Heulend packte mein Sohn das Schemeli, stieg darauf und riss den Zettel runter. Ich schrieb einen neuen und hängte ihn höher hinauf. Wutentbrannt holte er einen Stuhl und seine grosse Schwester. Ich beschloss, aus dem Spiel auszusteigen. „Okay, ich schreibe keinen neuen Zettel. Aber ich werde es nicht vergessen!“ Dabei war mir bereits klar: Das ist doof. Der Zeitraum ist viel zu lang, ich werde mir morgen einen Riesenärger einhandeln und einen Konflikt provozieren, der nicht nötig wäre.

Ich war davon ausgegangen, dass sich der perfekte Sohn kooperativ zeigen würde wie so häufig in letzter Zeit und als er dies nicht tat, hatte ich die erstbeste Drohung ausgesprochen, die mir eingefallen war und hatte einfach angenommen, dass er schon spuren würde. Nun stand ich da mit einer Drohung, die ich nicht einhalten wollte. Nachgeben wollte ich aber auch nicht, zu provokativ war sein „du wirsch es eh vergässe“ gewesen. Ich löste das Dilemma dann einigermassen billig: Es ergab sich, dass ein Gspänli von ihm zum Zvieri da war, es nur noch eine Kiwi hatte und die perfekte Tochter und das Gspänli je eine Hälfte bekommen hatten, als ihm einfiel, dass er auch Kiwi wollte. „Weißt du was?“, ergriff ich den Rettungsanker, „wir können es so machen: Du hast jetzt keine Kiwi, dafür ist die Sache mit dem Hustenbonbon okay und du kannst morgen Süsses haben.“ Völlig logisch, oder? Er ging auf jeden Fall auf den Deal ein und schien auch das Gefühl zu haben, glimpflich davon gekommen zu sein.

Was bleibt, ist eine Unsicherheit von mir bezüglich Erziehung. Der perfekte Sohn und ich haben in den letzten Monaten einen guten Weg gefunden, miteinander zu kooperieren. Wir nehmen einander ernst und sind beide bestrebt, den anderen nicht unnötig zu verärgern und es gut zu haben miteinander. Wir geben beide mal nach. Drohungen von mir braucht es selten und wenn, dann wirken sie erstaunlich gut. Weil ich sie im Normalfall ernst meine und er das weiss. Drohungen von seiner Seite kommen bei mir nicht so gut an, aber ich kann auch mal über meinen Schatten springen und darauf eingehen. Offenbar scheint Herrn Juuls Weg der „Kooperation über Beziehung“ zu funktionieren und für mich ist es eindrücklich, wie sehr es sich gelohnt hat, Kontrolle abzugeben und zu akzeptieren, dass mein Sohn Freiheiten braucht, die ich einem Vierjährigen eigentlich gar noch nicht geben wollte. Nun, wo er sie hat und nicht mehr darum kämpfen muss, kann er grosszügig sein und mitspielen.

Also eben – so war es in letzter Zeit. Wo es hinführt, wenn sich Hustentäfeli-Episoden häufen sollten, weiss ich wirklich nicht. Aber wahrscheinlich wird er es mir schon zeigen.

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