Durch die Blume

Viertel vor acht am Morgen.

Mein Fokus: Die perfekte Tochter in zehn Minuten chindsgibereit aus dem Haus schicken und den perfekten Sohn und mich in einer halben Stunde ausgehfertig haben. Gelüftete Schlafzimmer, gemachte Betten und eine aufgeräumte Küche wären nice-to-have.

Fokus des perfekten Sohnes: Ein Deko-Blüemli, das er gefunden hat, für sich beanspruchen.

Fokus der perfekten Tochter: Wechselt gerade von Zähneputzen auf die Verteidigung ihres Blümchens.

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„Aber es isch am Bode gsii. Was am Bode isch, darf me näh!“, argumentiert er und sie argumentiert schlagkräftig mit einem Tritt in seinen Unterleib (ich glaube – hoffe – er war nicht so geplant). Er jammert und schlägt ihr zweimal die Faust in den Rücken.

„Das kann man auf andere Weise lösen!“, werfe ich als selbsternannte Mediatorin ein und stelle mich zwischen die Streithähne.

Sohn: „Aber es isch am Bode gsii!“ Tochter: „Jo, det wohnt es Zwärgli! Ich ha’s im Zwärgli gschänkt!“ Mutter: „Das ist sowieso kein Argument. Wenn dein Häsli am Boden liegt und deine Schwester es findet, kann sie es auch nicht behalten.“ Sohn: „Bi Stofftierli isch es andersch!“ Mutter: „Gib mir das Blüemli. Und du putzt jetzt deine Zähne.“

Nach einigem Grummeln und Schimpfen und Argumentieren gibt mir der Sohn das Blüemli, ich lege es aufs Pult der Tochter, worauf er es sich wieder schnappt. Sie heult, will erneut auf ihn losgehen, aber diesmal bin ich schneller. „Halt! Du putzt die Zähne. Du legst das Blüemli aufs Pult.“ Es folgt ein doppelter Schwall Schimpfwörter (gegeneinander, nicht gegen mich) und ich frage mich plötzlich: Geht mich das eigentlich etwas an? Soll ich sie nicht einfach machen lassen? Schimpfen und streiten und schlagen und toben und ich gehe die Betten machen? Statt wie eine Dompteuse zwischen zwei wildgewordenen Löwen herum zu hüpfen?

Aber dann beschliesse ich: Ja. Es geht mich etwas an. Natürlich sollen Geschwister ihre eigene Streitkultur entwickeln, aber damit muss nicht am frühen Morgen experimentiert werden. Gerade jetzt bestimme ich, wie dieser Streit gelöst wird. Nämlich so: „Schluss jetzt! Du spitzt weiter deine Farbstiftstummel und du kommst nach unten und ziehst deine Schuhe an!“

Seither liegt das Blüemli unangetastet auf dem Pult und ich hoffe, das Zwärgli weiss es zu schätzen!

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