Traurig

Es war für alle ein anstrengender Tag. Schön, aber anstrengend, aus verschiedenen Gründen. Der perfekte Ehemann und Papi ist im Ausgang, es fällt also mir zu, die Nachwirkungen des Tages in der Balance zu halten, bis es Schlafenszeit ist.

Als erstes ist der perfekte Sohn traurig. Sein goldener Ballon ist geplatzt und er braucht ihn für sein Ballonspiel – ja, den goldenen, keinen anderen. Mami verbietet ihm, um halb acht noch bei Nachbars zu klingeln, um einen neuen goldenen Ballon zu bekommen. Dreimal überredet sie ihn, die Stiefel wieder auszuziehen und wirklich nicht zu Nachbars zu gehen. Zwischenzeitlich vergisst er es, aber gerade vor der Schlafengehzeit kommt es ihm wieder in den Sinn und er möchte nun doch noch einen goldenen Ballon holen. Auf Mamis Nein hin macht er einen Sitzstreik auf der Treppe, an dem niemand vorbei darf. Mami steigt über ihn weg. Das macht ihn wütend und er beginnt, eine Bastelarbeit seiner Schwester zu demolieren. Mami merkt es und schimpft. Die Schwester merkt es und weint. Niemand will sich mehr um seinen Ballon-Schmerz kümmern.

Die perfekte Tochter ist traurig. Ihre Bastelarbeit konnte zwar gerettet werden, aber es war so gemein von ihrem Bruder, sie kaputt machen zu wollen. Sie will keine Geschichte mehr hören, sie will sich unter der Bettdecke verkriechen und weinen.

Die perfekte Mutter ist traurig. Ihre Kinder weinen beide und sie weiss nicht, wie sie diesen Tag zu einem guten Abschluss bringen kann. Aber sie möchte es so gern. Ihr Sohn möchte noch eine Geschichte hören, aber sie soll nicht auf seinem Bett sitzen zum Erzählen. Das macht sie wütend. Entweder oder. Entweder darf sie sich zu ihm setzen oder sie erzählt nicht. Nein, sie wird sich nicht vor seinem Bett auf den Teppich setzen. Er ist grummelnd einverstanden und während der Geschichte kriecht die Tochter unter ihrer Decke hervor und setzt sich auch auf das Bett des Bruders. Sie darf.

Alle sind zufrieden.

Dann wird der perfekte Sohn wieder traurig. Er will nicht allein im Bett sein. Die Mutter legt sich zu ihm. Er sagt ihr, dass er sie ganz fest gern hat und weint noch ein bisschen, weil sie vorher wütend waren aufeinander. Die Mutter wischt ein Tränchen der Rührung weg. Dann legt sie sich neben ihre Tochter.

Die perfekte Tochter ist traurig, weil sie im Chindsgi ein aus ihrer Sicht unlösbares Problem hat, das ihr schon oft Bauchweh gemacht hat. Und jetzt, wo sie es erzählt hat und die Mutter Verständnis zeigt, kann sie gar nicht mehr aufhören zu weinen.

Der perfekte Sohn ist traurig, weil die Mutter so lange bei seiner Schwester liegt und vorher gar nicht so lange bei ihm war.

Die perfekte Mutter staunt, dass sie noch nicht selber heulend zwischen den Kinderbetten am Boden liegt. Während sie neben ihrem Sohn liegt und die Hoffnung steigt, dass er bald einschlafen wird, fällt ihr ein Lösungsvorschlag für das Problem ihrer Tochter ein. Nach einer Weile geht sie zu ihr und erzählt ihr davon. Die Tochter nickt, muss noch einmal fest weinen und fängt dann auch an, gleichmässiger zu atmen.

Es schläft noch niemand, als die Mutter das Kinderzimmer verlässt, aber es weint auch niemand mehr. Nur die Mutter. Es ist ihr nun doch zuviel geworden.

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3 Antworten zu “Traurig

  1. Nicht schön, aber wohl trotzdem heilsam… Du hast alles ertragen, ohne umzufallen oder zu wütend zu werden, dann muss es irgendwo irgendwann raus. Manchmal tut es mir auch gut, einfach mal zu heulen. Mamas sind auch nur Menschen 😉 LG

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