Zu viel

Die perfekte Tochter hat einfach so – weil es gerade zu kaufen war – ein Pult bekommen. Wunderbarerweise haben wir praktisch gleichzeitig einen Kinder-Bürostuhl geschenkt bekommen, den eine Bekannte nicht mehr brauchte. Die perfekte Tochter freut sich riesig  über ihr Pult, zeigt es allen Besuchern und hat sich sogar einverstanden erklärt, ihr „Büro“, das sich bis jetzt in meinem befindet, zu ihrem Pult zu zügeln. Damit das Pult so schön bleibt, wie es ist, beschloss ich, den Kindern Schreibunterlagen zu kaufen. Ich habe mir noch überlegt, ob es aus pädagogischen Gründen sinnvoller wäre, sie z.B. auf Ostern zu schenken, weil es nicht „einfach so“ etwas gibt, aber das Pult ist nun mal jetzt neu.

Wir gingen also heute in die Papeterie, Schreibunterlagen aussuchen und kaufen. Nun ist es so, dass dies nicht nur eine Papeterie ist. Es ist auch ein Spielwarenladen. Es ist eigentlich ein Paradies. Es hat schöne Stifte, Karten, Magnete, Schleich-Tiere, dutzende verschiedener Schreibunterlagen, Legos, Schultheks, Barbies, Dino-Eier, Schlümpfe, Füllis, „Mami-was-isch-das?“, Hüpfbälle, Seifenblasen, Badefarben, Dösli – eben! Theoretisch sehe ich ein, dass es in diesem Überangebot von Reizen und Anreizen schwierig ist, den Fokus auf eine Sache – sagen wir: Schreibunterlagen – zu richten. Praktisch hätte ich es aber doch sehr schön gefunden, wenn meine Kinder ein bisschen mehr Begeisterung gezeigt hätten für die eine, doch nicht ganz billige Sache, die sie aussuchen durften und etwas weniger allem anderen nachgeschlichen wären.

Vor allem ein Kind verlor sich völlig im Paradies der Möglichkeiten. Sie brachte mich so weit, dass ich erst sagte, sie könne ja etwas von ihrem Kässeligeld kaufen, um gleich darauf zu verkünden, es gäbe überhaupt gar nichts anderes als diese Schreibunterlage und wir würden jetzt wieder gehen. „Aber du hesch gseit…“ – „Genau. Ich weiss. Und jetzt sage ich etwas anderes!“ Nach der Vertreibung aus dem Paradies seufzte sie: „Do inne het’s sooooo viel schöni Sache!“ – „Ja“, antwortete ich, „und da drin kann man lernen, damit umzugehen, dass es viele schöne Sachen gibt, die man nicht haben kann.“ Ja, manchmal passieren einem so Mami-Sätze.

Im Dorfladen, in dem wir nachher noch einkauften, hat es im Fall zwei Hello-Kitty-Stofftiere, nur noch zwei, vorher waren es viel mehr, die der perfekten Tochter gefallen, und riesige Oster-Überraschungseier und hat es wohl in diesen Schoggieiern auch eine Überraschung drin? „Mami, mich dunkt’s, mer laufe chli chrüz und quer dur de Lade!“ Ja, dünkt mich auch, könnte damit zusammen hängen, dass ich gerade selber ein bisschen den Fokus verloren habe vor lauter Dingen, die es hat und nicht mehr hat. Und die es in der Papeterie hatte.

Zuhause freuten sich die Kinder ganz fest an ihren schönen neuen Schreibunterlagen, probierten sie gleich aus und hatten eigentlich gar keine Zeit zum Znachtessen, weil sie doch am Pult arbeiten mussten. Die Einzige, die noch an den vielen Sachen in den Läden herum studierte, war ich. Und dabei wurde mir bewusst, dass die Kinder tatsächlich lernen müssen, mit dem Überangebot an Waren, das sie umgibt, klar zu kommen und dass es tatsächlich zu meinen Aufgaben als Mutter gehört, sie dabei zu unterstützen, und dass, so viel ich weiss, nie jemand behauptet hat, dies sei eine einfache und schöne Aufgabe, die mir Spass machen müsse. Wenn es mir also wieder einmal zu viel wird mit den zu vielen Sachen und Wünschen, dann weiss ich jetzt, dass es nichts bringt, zu viel zu studieren. Durchhalten und durchziehen. Und nicht zu viele Ausnahmen machen. Nur ab und zu eine.

Advertisements

7 Antworten zu “Zu viel

  1. Wahre Worte. Wenn wir schon überfordert sind, wie soll es dann erst den Zwergen gehen?! Ein „Habenwollen“ ist da die einzig logische Konsequenz… Das wird eine echte Herausforderung, da hast du Recht! LG sendet Nadja

  2. Kennst du den Spruch von Sokrates? Als er durch den Markt ging (heute Supermarkt) soll er gesagt haben: Wie viele Dinge es doch gibt, die ich nicht brauche!
    Wahrscheinlich nützen solche philosophischen Weisheiten deinen Kindern nichts. Oder könnte man den Zahlenfreak damit herausfordern, mal zu zählen, wie viele Dinge im Laden er entdeckt, die ihr nicht braucht?

    • Aber sie brauchen die Dinge doch! Jetzt gerade und nicht erst am Geburtstag! Aber ich selber werde mir den Sokrates merken, das könnte helfen. Danke :-).

  3. Wie wahr das ist – mit dem „Zu viel“! Das alles ist für uns Erwachsene zu viel! Wenn mir jemand sagt: wie kannst du auch in diesem kleinen Dorf leben?,sage ich: wie schön ist es hier : es hat nur einen Laden – mit nur 6 Sorten Joghurts und nur 4 Teesorten. Wie einfach wird so das Leben!
    Ich wünsche den „Bürolisten“ viel Freude mit dem neuen Pult!

    • Ich finde euren Dorfladen auch immer sehr wohltuend! Aber die Kinder finden auch dort Dinge, die sie brauchen – und in den Ferien haben sie recht gute Chancen, dass es zu einer Ausnahme kommt…

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s