Selbstwahrnehmung

„Wenn ich mich sälber gseh, find ich mich ned so härzig“, erzählt mir die perfekte Tochter kurz vor dem Einschlafen, also während unserer liebsten Mutter-Tochter-Plauderzeit. „Nicht?“, wundere ich mich, „meinst du, wenn du dich auf Fotos siehst oder im Spiegel?“ – „Im Spiegel. Weisch, i glaube, je älter dass me wird, desto weniger härzig isch me.“ – „Also ich finde dich megaherzig!“, sage ich etwas fantasielos, aber sehr ehrlich, und ergänze: „Wen findest du denn herzig?“ Sie nennt ihre Chindsgi-Freundin, ein blondgelocktes, zartes, wirklich sehr herziges Meiteli und tatsächlich ein total anderer Typ als meine grosse, athletische, braunhaarige Tochter. „Ja, sie finde ich auch herzig. Aber dich auch!“, muss ich noch einmal bestätigen und frage mich, wie schlimm es wohl für ein sechsjähriges Mädchen ist, sich selber nicht herzig zu finden.

Wir schweigen ein bisschen, dann fragt sie: „Weisch, i wär dass ich verliebt bin?“ – „Nein! In wen?“ Er ist es nicht mehr, das weiss ich, denn er wurde leider im Lauf dieses Schuljahrs zu einem ganz gewöhnlichen wilden Buben. „I mich!“, sagt sie bestimmt. „Oh – schön!“, sage ich und denke:

So lange sie sich selber mag, macht es wahrscheinlich nichts, wenn sie sich nicht herzig findet.

Und übrigens: Wenn ich nun so darüber nachdenke, finde ich mich selber auch nicht besonders herzig. Und das ist gut so. Aber ich bin halt auch schon ziemlich alt…

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