Prolaborativ

Die Passantin vor mir lehnte ab. Sie wollte den Flyer des flotten jungen Mannes nicht. Ich aber liess ihn mir in die Hand drücken und sah: Es ging um die Eröffnung eines „Wellness und Beauty“-Irgendwas. „Kommen Sie vorbei? Es gibt auch ein Cüpli!“, fragte er strahlend. „Ich weiss es noch nicht“, strahlte ich zurück. „Es ist heute.“ – „Oh.“ In dem Fall nicht, aber ich brachte es nicht übers Herz, ihm das zu sagen. „Warten Sie, ich gebe Ihnen noch einen Apfel mit für Ihren Jungen.“ – „Danke!“ Neben den Äpfeln lagen im Korb noch so verheissungsvolle Gütterli und ich freute mich schon, als er sich noch einmal bückte. Leider griff er an den Fläschchen vorbei und nahm einen Prospekt. „Das ist eine sehr gute Crème!“ – „Danke. Auf Wiedersehen.“ Ich musste wirklich los, der perfekte Sohn und ich hatten einen Termin in der Stadt, wir hatten keine Zeit für einen Plausch über noch so gute Crèmen.

Vielleicht war es besser so, denn zuhause sehe ich, was mir der flotte junge Mann strahlend empfohlen hat: „Anti Cellulite Crème – Kampf den Dellen.“ Dellen?! Es ist Jeans-und-Jacken-Wetter, der kann keine Ahnung haben von irgendwelchen Dellen! Wahrscheinlich weiss er halt: „Rund 80 Prozent aller Frauen kämpfen gegen Cellulite und suchen nach Behandlungsmethoden.“ Wie gut, dass da ein tapferer junger Mann steht, der all den kämpfenden und suchenden Frauen, die durch die Stadt irren, DIE Lösung anbieten kann. „Dellen an Oberschenkeln, Gesäss, Hüften und Oberarmen sind kein gesundheitliches, sondern ein kosmetisch-ästhetisches Problem, unter dem die Betroffenen stark leiden.“ Okay… Und falls ich vorher nicht gelitten hätte, würde ich es spätestens jetzt tun. Also – wenn ich Dellen hätte… „Zum Glück, existieren ausser medizinischen Verfahren auch kosmetische Methoden, den unliebsamen Dellen zu glätten.“ Macht Sinn, wo das Problem ja kosmetisch-ästhetisch ist und nicht gesundheitlich. Also, glätten wir ihn, den Dellen!

Der Prospekt bietet im Folgenden eine Abhandlung über die Ursachen der Dellen, ein paar hübsche Bilder von Blumen, Baumstämmen und einem Querschnitt durch die Haut, etwas Mathematisches mit Prozenten und dann die Schlussfolgerung eines „Research Institute for reliable results“: „Eindeutig positiv und aus unserem Erfahrungsschatz hervorragend zu werten sind die Veränderungen der gemittelten Flächen der Fettgewebslobuli, die aus dem subkutanen Fettgewebe in das kutane Bindegewebe prolabieren. Hier zeigt sich eine deutlich positive Tendenz, die wir in dieser Form bislang noch nicht bei einem anderen Kosmetikum gesehen haben.“

Ich glaube, ich fahre noch einmal in die Stadt. Ich würde zu gern an den Tag der offenen Tür gehen, Cüpli trinken und mich mit dem flotten jungen Mann über mein subkutanes Fettgewebe unterhalten. Nur so zum Prolabieren.

3 Antworten zu “Prolaborativ

  1. Mit einer prolaborativeren Kommunikation könntest du approximativ die interhumane Interaktion optimieren, falls deine narrative Recource mal zu ineffizient worken täte.

  2. Hoffentlich nicht! Das wäre jammerschade! Das habe ich nicht gewollt!! Hoffentlich kehrt deine Erzählkunst schnell wieder zurück. Definitiv.

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