Weite Kinder

Das Thema beschäftigt mich schon lange, aber ich habe bis jetzt nicht gewagt, darüber zu schreiben. Weil es eines ist, über das ich nur mit Müttern rede, von denen ich weiss, dass sie die gleiche Meinung haben wie ich. Oder zumindest eine sehr ähnliche. Am allerliebsten rede ich mit dem perfekten Ehemann darüber, denn wir sind uns so einig, dass unsere Gespräche eigentlich nur aus gemeinsamem Kopfnicken und Kopfschütteln bestehen.

Es geht um die weiten Kinder. Diejenigen, die einfach schon so weit sind. Weiter als die anderen. So weit, dass sie laut Meinung ihrer Eltern längst im Kindergarten, der Schule, der RS, der Uni, dem Altersheim sein müssten.

Eben – ich kann nicht darüber schreiben, ohne zynisch zu werden. Deshalb habe ich es ja so lange nicht gemacht. Aber es beschäftigt mich und deshalb tue ich es jetzt trotzdem.

Ich habe aus verschiedenen Gründen Mühe mit dem Ausdruck „Mein Kind ist schon so weit“:

-Ich verstehe ehrlich nicht, wie man herausfindet, dass ein Kind weit ist. Ich erlebe Kinder als so vielfältige Wesen, dass ich es nicht schaffe, sie als Ganzes zu erfassen und ihre Weite zu beurteilen.

-Ich habe die üble Tendenz, allen Eltern, die ihre Kinder als weit betiteln, zu unterstellen, dass sie ihre Wunschvorstellung auf ihre Kinder übertragen. Und dass sie sich wünschen, dass ihr Kind besser – also weiter – sei als andere.

-Ich habe die noch üblere Tendenz, bei allen von ihren Eltern als weit betitelten Kindern hauptsächlich das zu sehen, was sie noch nicht können.

-Ich habe selber keine weiten Kinder. Bei ihnen hat es bis jetzt immer tiptop gepasst mit Spielgruppe und Kindergarten und ich bin froh, dass sie nicht früher gehen mussten.

-Ich habe das Schreckgespenst der Schulkind-Eltern im Nacken, die der Lehrerin sehr ernst versichern, dass ihr Kind nur auffällt in der Schule, weil es schon so weit ist und sie ihm nicht gerecht wird, weil sie halt immer nur für die nicht weiten Kinder schaut.

Ich weiss und merke: Es ist mein Problem, dass ich Mühe habe. Ich bin voreingenommen, ungnädig, argwöhnisch. Wenn es anderen Eltern wichtig ist, dass ihre Kinder weit sind – soll es das doch, hat ja nichts mit mir zu tun. Wenn andere Eltern ihre Kinder anders einschätzen als ich Kinder einschätze – das muss mich doch nicht erschrecken und auch nicht wundern. Wenn Eltern sich anders ausdrücken, als ich es würde – da könnte ich doch einfach grosszügig sein. Wenn Eltern sich freuen, dass ihre Kinder schon so viel gelernt haben, mehr als sie erwartet hätten – dann kann ich mich doch einfach mitfreuen. Wenn Kinder tatsächlich weiter, reifer, schneller sind als andere und ihre Eltern das feststellen – dann kann ich doch zuhören, wie ich bei anderen Eltern-Kind-Themen auch zuhöre, ohne gleich unleidlich zu werden.

Ich kann es nicht.

Ich kann bei diesem Thema nicht sachlich sein. Ich kann nicht unbeteiligt bleiben. Einerseits wegen meiner üblen Ungnädigkeit und wegen meinen ambivalenten Gefühlen gegenüber der Reife meiner eigenen Kinder. Sie müssen wirklich nicht die besten und weitesten sein, schon gar nicht in allen Bereichen, aber natürlich wünsche ich mir, dass sie sich gut entwickeln und lernen, was sie lernen sollen. Und wenn das passiert ist, beruhigt und freut es mich und darum ist es manchmal schön, wenn es früher statt später ist. Und nein, ich bin auch nicht frei von Mutterehrgeiz und bin stolz, wenn sie etwas besonders gut können. Und bemerke vielleicht, dass andere Gleichaltrige es noch nicht können.

Das ist das eine. Da muss ich an mir arbeiten oder ich lebe damit und reagiere weiterhin mit wenig Enthusiasmus, wenn mir Eltern von ihrem weiten Kind erzählen. Klicke weg, wenn ich in Online-Elternforen wieder einmal auf einen „Was-soll-ich-tun-mein-Kind-ist-so-unglaublich-weit“-Thread stosse. Führe weiterhin Kopfnick- und Kopfschüttel-Gespräche mit dem perfekten Ehemann, das kann ja ganz schön sein.

Es gibt aber noch einen anderen Aspekt bei diesem Thema. Der nichts mit mir zu tun hat, sondern mit den Kindern. Mit diesen vielfältigen, einzigartigen, wunderbaren Wesen.

Von denen sich einige schön ausgeglichen entwickeln und eines Tages bereit sind, den Kindergarten und später die Schule zu besuchen, wahrscheinlich und hoffentlich ungefähr zu dem Zeitpunkt, den der Staat für sie vorgesehen hat. Wenn es ein bisschen früher ist, müssen sie einige Wochen oder Monate warten, bis es spannend wird, wenn es später ist, sind sie einige Zeit ziemlich gefordert.

Von denen einige so fest früher oder später sind, dass es ihnen nicht wohl ist bei den Gleichaltrigen und Überspringen oder Repetieren Sinn macht. Oder ein flexibleres Schulsystem Sinn machen würde, aber das wäre schon das nächste grosse Thema.

Von denen andere in einigen Bereichen schnell und problemlos lernen und sich in andern schwer tun. Die zum einen Teil schul- und zum anderen kaum spielgruppenreif sind, was aber nicht wirklich relevant ist, weil sie sich nicht in einzelnen Bereichen wahrnehmen, sondern mit sich als Ganzes klar kommen müssen.

Von denen wieder andere sich nicht nur schwer tun, sondern eine ernsthafte Entwicklungsstörung haben. Die dennoch eine Menge lernen und Fortschritte machen, die nicht weniger zu würdigen sind als die der Kinder, die schnell und leicht lernen.

Von denen… es noch fast so viele Varianten gibt wie Kinder und ich werde mich hüten zu versuchen, eine vollständige Liste zu erstellen davon, wie Kinder sich entwickeln. Denn das meine ich. Kinder sind verschieden. Kinder sind vielschichtig. Kinder sind speziell im besten Sinn des Wortes. Sie werden früh genug eingeteilt werden in genügend und ungenügend. In schnell und langsam. In passend und unpassend. In gut und schlecht. In einfach und schwierig. Leider. Und sicher.

Ich möchte mich als Mutter aus diesem Wertungssystems heraus halten. Ich möchte die Bewertung der Kinder nicht voraus nehmen und ich möchte sie nicht in Konkurrenz zu anderen stellen. Ich möchte sie in ihrer Vielfältigkeit achten, sich entwickeln lassen, ohne dass sie in ein Raster passen müssen. Möchte sie Wunder sein lassen. Und das gelingt mir besser, wenn die anderen Eltern es auch so machen. Womit es doch wieder um mich geht.

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7 Antworten zu “Weite Kinder

  1. Ich könnte mich gut zu euch ins Wohnzimmer setzen und eifrig mitmachen beim Kopfnicken und Kopfschütteln 🙂
    Auch ich möchte mich als Mutter dem Wertungssystem entziehen. Und wenn ich doch ab und zu in Gefahr gerate, in dieses System hineingezogen zu werden, werfe ich einen Blick in die ersten Stunden unserer Kinder in dieser Welt. Sie wurden geboren wunder-bar. Vollkommen. Einzigartig. Und sie haben ein Recht darafu, dass wir sie täglich durch diese Brille anschauen und uns über sie und jeden einzelnen ihrer Schritte freuen. Nicht mehr und nicht weniger.

  2. haha, lustig, ich habe beim berfliegen des Titels „weitere Kinder“ gelesen und dachte, oha, das wird ja spannend, hehehe..war aber auch so sehr spannend, ich kopfschuettle und Kopfnicke da mit dir mit 🙂

    love, E.

      • Wenn ich deine Blogs lese, dann höre ich unsere Diskussionen in alten Zeiten (naja, der Content mag sich wohl etwas verändert haben…) – das schreiben scheint dir soooo leicht zu Fallen!

  3. Ich kann mit dem Begriff „weit sein“ so gar nichts anfangen. Irgendwie setzt es ja voraus, dass man so etwas wie eine „Zielvorstellung“ hat. Ich bin da ganz oft eher „lost in space“. Erst neulich hat mir meine 4-jährige erklärt, dass sie keine Jungs zum Geburtstag einladen will. Sie will mit ihren Freundinnen „Baby-bekommen“ spielen und da stören Jungs nur bei. Tja.. was nun? Mit vor stolz geschwellter Brust erklären, sie ist für ihr Alter wirklich schon sehr „weit“, direkt zum Psychologen und Verhaltens-Therapeuten oder viellleicht doch eher zurücklehnen und ausreichend warmes Wasser, bzw. warmen Kakao für die bevorstehenden Teddy- und Kissen-Geburten bereitstellen? Ich find’s eigentlich egal, wie „weit“ sie ist. Hauptsache, sie bleibt auf dem richtigen Weg.. das macht mir langfristig viel mehr Sorgen 🙂

    • Danke für deinen Kommentar, ich fühle mich sehr verstanden von dir. Dass meine Kinder „auf dem richtigen Weg bleiben“ oder vielleicht auch „auf den richtigen Weg kommen“ ist etwas, was mich auch beschäftigt (gerade bei meinem Vierjährigen, der übrigens vielleicht mitspielen würde beim „Baby-Bekommen“, da er bis jetzt hauptsächlich von einem Mädchen „sozialisiert“ wird ;-)). Bei dem Thema merke ich, dass ich tatsächlich eine „Zielvorstellung“ habe, von der ich mich ja vielleicht auch lösen muss. Hm, mir scheint, da tut sich ein weiteres Blog-Thema auf…

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