Kill your Darlings

Diesen Ausdruck habe ich kürzlich sowohl von einer Schriftstellerin wie auch von einer Journalistin gelesen im Zusammenhang mit Textpassagen, die sie schweren Herzens streichen mussten, und er kam mir in den Sinn, als ich gestern im Tomatenhaus wütete.

My Darlings. Meine Tomatenstauden. Ich mag sie einfach besonders gern, schaue den kleinen Pflänzchen so gern beim Wachsen zu, freue mich über jede Blüte, aus der einmal eine Tomate werden könnte und lasse mich jedes Jahr wieder neu überraschen von den verschiedenen Sorten, die ich gekauft und geschenkt bekommen habe. Ich giesse sie, stutze sie, binde sie auf – bestimmt widme ich ihnen am meisten Zeit von allen unseren Gartenpflanzen. Und es gehört zu meinen schönsten Gärtnerfreuden, in der Erntezeit jedes Mal, wenn ich am  Tomatenhäuschen vorbei gehe, ein Tomätli zu pflücken und zu essen. Dieses Jahr war zudem jede Tomate eine noch besonderere Freude, weil es so lange gedauert hatte, bis sie reif waren und weil so einiges nicht nach perfektem Gärtnerplan gelaufen war: Chaos im Tomatenhaus

Aber jetzt ist die Erntezeit vorbei. Ich habe eingesehen, dass die späte Oktobersonne nicht hinkriegt, was die frühe konnte: Einige der grünen Bällchen noch rot werden lassen. Ich habe eingesehen, dass die Staude, die immer am verheissungsvollsten aussah, definitiv nichts Rechtes hinkriegen wird. Unzählige Blüten an riesigen Dolden, viele kleine grüne Kügelchen, die hellgelb wurden und schliesslich dunkelgelb. Die unglaublich süss und fein aussahen – und nie etwas anderes als bitter und „gruusig“ waren. Bis zuletzt.

Nachdem die Gurkenstaude noch vor den Ferien und die Zucchetti letzte Woche dran glauben mussten, ging es nun also meinen Lieblingen an den Kragen. Eins kann ich sagen: Sie blieben sich selbst treu bis in den Tod! Noch nie war das Räumen des Tomatenhäuschens so chaotisch vonstatten gegangen. Keine Chance, zurück zu verfolgen, welchen Zweig ich damals eventuell an die falsche Staude gebunden hatte, zu welcher Pflanze jener Querschläger gehörte und ob die wilden Triebe, die sich zwischen die offiziellen sechs geschlichen hatten, auch Früchte getragen hatten. Es war ein Dschungel! Und ich schwang die Gartenschere als Machete und war froh, nicht plötzlich einem Tiger gegenüber zu stehen. Oder einer Schlange. Es hatte noch einige hellrot/dunkelorange Tomätli, die ich abnahm, um sie im Haus nachreifen zu lassen und das röteste von allen fiel mir zuerst von der Staude, als ich es pflücken wollte und als ich es später wieder gefunden hatte, in den Kompostsack. Dies als Strafe für das Killen meiner Darlings.

Nachdem ich einmal angefangen hatte, war es gar nicht so schwer und ich nahm ohne Wehmut Abschied von meinen Lieblingen. Ich meine, sie waren gute Unterhaltung, aber auch ziemlich anstrengend und nächstes Jahr hoffe ich definitiv auf eine gesittetere Mannschaft!

Was ich bestimmt sagen kann: Nach den Tomaten ist vor den Tomaten.

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2 Antworten zu “Kill your Darlings

  1. Ich habe auch erst letzte Woche mein Beet und meinen Balkon leer „gefegt“. Ich liebe es auch, meinen Gemüsepflanzen beim Wachsen zuzusehen und dann zu ernten. Schmeckt doch soviel besser, als wenn man es kauft 🙂

    • Ja, natürlich! Und ich mag es, wenn ich nicht ins Blaue hinaus überlegen muss „was koche ich heute?“, sondern „zu was verarbeite ich heute das Gemüse in meinem Garten?“. Aber das ist nun halt wieder vorbei.

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