Walliser Ferientagebuch

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Donnerstag: Kinderlos in den Ferien

Also nicht dass wir sie nicht mitgenommen hätten. Sie waren dabei auf der Anreise im Auto, z.T. recht lautstark und singfreudig und während der Fahrt mit dem Autozug traditionsgemäss sogar bei uns auf den Vordersitzen. Auch auf den Ausflug nach Brig haben wir sie mitgenommen, sie erwiesen sich als routinierte Zugreisende und verhinderten mit ihrer Anwesenheit, dass der Ausflug allzu teuer wurde. Sie durften sich zwar beide etwas aussuchen in unserem allgemeinen Lieblingsladen und Pommes Frites, Rivella und ein Überraschungs-Ei gab es auch, aber ihre fröhliche Aufregung sorgte dafür, dass ich selber weniger Geld als gewöhnlich ausgab in diesem Lieblingsladen und meine anderen Briger Lieblingsgeschäfte gar nicht erst berücksichtigte.

Als wir dann aber zurück im Ferienhaus waren, kamen sie uns abhanden. Erst durften sie für eine Bastelstunde zu den perfekten Zusatz-Grosseltern gehen und als mein Buch fertig gelesen war und der perfekte Ehemann und ich uns in der Bastelrunde zum Kaffee einladen liessen, hatten sie keine Zeit für uns, sondern spielten mit ihrer auch anwesenden Fast-Cousine. Dann lud diese sie zum Nachtessen bei sich zuhause ein und nachdem alle betroffenen Erwachsenen ihr Okay gegeben hatten, waren sie wieder weg. Der perfekte Ehemann und ich genossen ein gemeinsames Znacht in wunderbarer Ruhe und Zweisamkeit und wussten schon fast nicht mehr, worüber man eigentlich noch miteinander reden könnte, wenn man mal so schön Gelegenheit dazu hat. Als die Kinder kurz vor Bettzeit wieder da waren, stellte sich bald heraus, dass sie die Schere beim Basteln vergessen hatten und diese natürlich noch holen mussten. Dieses Mal ging der perfekte Ehemann aber mit, nicht dass wir am Ende noch eine ungestörte Nachtruhe haben und nicht wissen, was wir damit anfangen sollen!

Freitagmorgen: What a night!

Ich weiss es ja eigentlich: Man sollte nie so etwas wie „ungestörte Nachtruhe“ schreiben, denn damit macht man das Universum auf sich aufmerksam und es beschliesst, einen auch wieder einmal zu berücksichtigen. Ja, ich weiss auch, dass das wahrscheinlich nicht stimmt, aber in der Realität des Familienlebens kommt es mir wirklich manchmal so vor.

Es begann nachts um ungefähr ein Uhr mit der perfekten Tochter, die schreiend in unserem Schlafzimmer stand und ihr Hündchen vermisste. Keine Ahnung aus welchem Traum ich aufschreckte, aber mir war auf jeden Fall klar, dass wir ein Gastkind hatten, das in Not war und mich brauchte. Also schoss ich aus dem Bett hoch, um auf dem Weg ins Kinderzimmer zu realisieren, dass wir kein Gastkind hatten und auch die Not der perfekten Tochter aus Erwachsenensicht nicht soooo riesig war, sondern sie einfach ihr kleines (wirklich ziemlich kleines) Plüschhündchen verloren hatte. Sie machte das Licht im Zimmer neben dem Kinderzimmer an, begann das Tierchen zu suchen und damit ging das wahre Drama los! Der perfekte Sohn – stopp! Der perfekte Sohn hat nichts gemacht in dieser Nacht. Als ich nämlich unsere Feriennachbarn fragte, ob sie ihn gehört hätten und erzählen wollte, was denn los war, hielt er mir den Mund zu. „Nei, das ha-n-i ned!“ Und so erzähle ich es hier auch nicht und möchte einfach erwähnt haben, dass die Hündchensuche relativ rasch beendet war, es aber eine ganze Weile dauerte, bis jedes einzelne Familienmitglied wieder ruhig in seinem Bett lag.

Schliesslich war es soweit, dass ich hätte schlafen können. Hätte, wenn mich nicht meine fürchterlich mal verstopfte, mal triefende Nase davon abgehalten hätte. Und wenn sie mich einschlafen liess, weckte mich das Schnarchen des in dieser Beziehung nicht ganz perfekten Ehemanns wieder auf. Alles Ginggen nützte nichts und so beschloss ich irgendwann, ins noch freie Ferienbett umzuziehen, doch er wachte auf und zog sich seinerseits in selbiges zurück. Irgendwann schlief ich ein. Um gegen Morgen vom perfekten Sohn geweckt zu werden, der Bauchweh hatte. Ich begleitete ihn aufs WC, wo das Bauchweh aber nicht besser wurde, der perfekte Ehemann stand auch auf und wollte den Sohn zu sich ins Bett nehmen, der aber fing an zu schreien und wollte zu Mami. „Okay, dann komm halt. Aber sei ruhig, ich will noch schlafen.“ Doch, das ging erstaunlich gut, das mit dem Ruhigsein (das mit dem Schlafen nicht), bis er anfing zu zählen. Da kann er nichts dafür, manchmal zählt es einfach mit ihm, aber dass es dies auf „Hochdeutsch“ tat, hielt mich definitiv vom Schlafen ab. Und sorgte trotzdem für ein Lächeln meinerseits. „Einenfuffzg, zweienfuffzg, dreienfuffzg, veirenfuffzg, funfenfuffzg, sechsenenfuffzg, siebenenfuffzg,…“ Eben. Bei 189 kam er nicht mehr allein weiter und bei 209 hatte er genug und wollte aufstehen (hoffentlich macht er das beim Kinderarzt dann auch so, dann sieht dieser vielleicht über die falsche Stifthaltung hinweg…). Ich schickte ihn zum Papi und hätte nun wohl tatsächlich wieder schlafen können. Aber da waren meine Triefnase und die Frühstücksgeräusche aus der Küche und nachdem ich sicher war, dass der perfekte Sohn sein rosarotes Müesli bekommen hatte, stand ich auch auf.

Woher der perfekte Ehemann und ich unsere Erkältungen haben, ist mir nicht ganz klar. Vielleicht daher, dass wir Ferien haben und die Käferli sich endlich in Ruhe entfalten können. Woher die perfekten Kinder ihre nächtliche Nervosität haben, kann ich mir eher vorstellen: Wer so mutig ist, bei jemandem, den er kaum kennt, Znacht zu essen und den Abend zu verbringen, der kann in der Nacht darauf schon ein bisschen Zusatzaufmerksamkeit und –sicherheit gebrauchen. Heute Abend wird zuhause gegessen!

P.S. Es hat übrigens EINEN Vorteil, um halb zehn am Morgen ziemlich übernächtigt auszusehen, noch im Pijama zu sein und weder die Haare gebürstet noch die Zähne geputzt zu haben: Die Zeugen Jehovas an der Haustür lassen sich sehr schnell davon überzeugen, dass sie in einem unpassenden Moment gekommen sind!

Samstag: Im Schnee

Im Frühling haben wir die Regel, dass die Sommerpneus erst ans Auto montiert werden, nachdem wir im Wallis in den Ferien waren. So gesehen wäre es nur logisch gewesen, sie auch wieder abzumontieren, bevor wir ins Wallis in die Ferien gehen. Da dies irgendwie nicht ins Programm der letzten Woche passen wollte und sogar die perfekten Schwiegereltern der Meinung waren, es brauche noch keine Winterpneus, liessen wir es sein. Das machen wir in den kommenden Herbsten nicht mehr!

Gestern war recht schönes, aber kaltes Wetter und wir beschlossen, den traditionellen Badeausflug nach Leukerbad zu unternehmen. Ein immer sehr fröhliches, gutes Ferienprogramm, wenn man mal dort ist. Die Hinfahrt ist allerdings eher mühsam, da auf dem kurvenreichen Weg üblicherweise sowohl ich wie auch mindestens eines der Kinder Übelkeit verspüren und nur noch darauf warten, bis die letzte Kurve vorbei ist. Diesmal war es der Bauch des perfekten Sohnes, der schmerzte, was dieser kurz vor Leukerbad allerdings komplett vergass. „Schneeflöckli! Ganz viel!“ Die Kinder fielen fast aus ihren Sitzen vor Begeisterung, die Erwachsenen wurden immer stiller. Und als wir auf dem Parkplatz vor dem Burgerbad im Schneegestöber standen, beschlossen wir, dass wir das Risiko nicht eingehen wollten. Das Risiko von Sommerpneus auf nasser, verschneiter, kurvenreicher Strasse. Also wendeten wir und fuhren unverrichteter Dinge die Kurven zurück. Dem perfekten Sohn war dies egal, er hatte sowieso nicht so Lust gehabt auf Baden und die Schneeflocken hatten ihn sein Bauchweh nachhaltig vergessen lassen. Die perfekte Tochter war enttäuscht, trug dies aber stoisch und als wir bei Sonnenschein und ganz ohne Schnee die Satellitenstation ob Leuk besichtigten (so weit oder wenig weit man das darf), war sie definitiv wieder glücklich und liess sich zur Aussage verleiten: „Das isch jo no cooler als Bade!“ Später gab es Vermicelles in einem Restaurant am Rand des Pfynwaldes und alles in allem wurde es ein schöner Ferienausflug.

Der perfekte Ehemann behauptet übrigens, nur wegen mir für die Umkehr gestimmt zu haben. Nicht, dass ich dann im Bad gewesen wäre und es überhaupt nicht hätte geniessen können, weil ich immer an die Rückfahrt hätte denken müssen. Natürlich hat er recht, das wäre so gewesen, aber glaub nicht nur bei mir… Jedenfalls nehme ich ihm seine Rücksicht auf mich nicht ganz ab und jetzt würde er mir wohl die Hand vor den Mund halten, wenn ich dies den Nachbarn erzählen würde.

Heute Morgen sah es dann übrigens so aus vor unserem Ferienhüüsli:

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Begeisterte Kinder, die schon im Pijama und barfuss in den Schnee hinaus laufen und nachher, passender angezogen, Ängeli machen im Schnee und Rutschpartien auf dem Hosefüdli und sehr glücklich sind mit den neuen Umständen. Ein perfekter Sohn, der eins ums andere Mal betont, dass er nicht glauben kann, dass es im Wallis tatsächlich im Herbst schon schneit. Perfekte Eltern, die seufzend einsehen, dass sie dem Schnee in diesen Ferien nicht entkommen können und die sich der Freude ihrer Kinder trotzdem nicht entziehen können und auch nicht wollen. Und als dann noch die Sonne kommt und der Schnee zu funkeln beginnt, ist alles gut. Ich gehe jetzt spazieren.

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Sonntag: Der Herbst ist zurück

1 kg Zwetschgen, dem lokalen Gewerbe abgekauft

1 kg Holunderbeeren, mit ausdrücklicher Genehmigung Einheimischer selber gepflückt

(beides übrigens nur ungefähr mit der Personenwaage abgewogen, da in der Ferienküche eine Küchenwaage fehlt und die eigentlich allzeit hilfsbereiten Nachbarn im entscheidenden Moment nicht zuhause waren)

1 kg Zucker

2 Säckli Geliermittel 1:2

10 geliehene Konfigläser

Das Holunderbeeren von den Stielen abchnüblen wurde zu einer recht schönen Familienstudie. Die perfekte Tochter, die eifrig, zielstrebig und grosszügig haufenweise Stiele entbeerte, wobei die meisten Beeren im Teller landeten, einige am Boden und viele auf dem Tisch. Wo sie später an ihren Pullover geklebt wurden, als sie fand, der perfekte Papi habe noch grosszügiger gearbeitet als sie und sich über den Tisch beugte, um die unreifen Beeren aus seinem Teller zu entfernen. Die vorschlug, ein Wett-Ablesen zu machen, bis es gegen das Ende zuging und unklar war, ob sie gewinnen würde. Da hörte sie lieber ganz auf mit Ablesen. Der perfekte Sohn, der akribisch Beere um Beere in seinen Teller legte, aber nachdem ihm Papi gezeigt hatte, wie es schneller ginge, keine Lust mehr hatte und sich aufs Kommentieren und Dabeisein beschränkte. Der perfekte Ehemann, der schnell, geschickt und auch recht grosszügig seine Beeren ablas und das Wettrennen gewonnen hätte, wenn es denn eine Rangverkündigung gegeben hätte. Dem die Grosszügigkeit seiner Tochter aber definitiv zu weit ging und der wenig Verständnis dafür aufbrachte, dass ihr Pulli trotz aller Warnungen violett wurde. Das perfekte Mami, das sorgfältig, z.T. allzu sorgfältig, Beeren ablas, sich zusammen mit ihrer Tochter ein wenig über die vielen Stiele und unreifen Beeren im Teller ihres Ehemannes ärgerte und sich bemühte, ihre Kinder im richtigen Mass zu ermutigen und zu tadeln. Das schliesslich das Aufputzen der grosszügig verstreuten Beeren und Beerenflecken übernahm, während der perfekte Ehemann die Zwetschgen schnitt, die perfekte Tochter ihm half und sich der perfekte Sohn längst anderen Tätigkeiten widmete.

Der Schnee ist übrigens grösstenteils geschmolzen, die Wallisersonne hat Gesichter und Herzen gewärmt und neben dem Konfimachen blieb den Eltern auch heute wieder viel Zeit zum Lesen. So viel, dass ich mich tatsächlich frage, was denn die Kinder die ganze Zeit gemacht haben, aber auf jeden Fall haben sie die meiste Zeit nicht gequengelt. Und der perfekte Sohn hat ausdrücklich geäussert, dass er gern noch länger im Wallis bleiben würde. Wir müssen aber trotzdem nach Hause fahren: Sein neues kleines rosarotes Plüschhäschen muss unbedingt sein grosses rosarotes Plüschhäschen-Mami kennen lernen, das nicht mitgekommen ist in die Ferien. Was wird es morgen überrascht sein, wenn es plötzlich ein Kind mehr hat (neben seinem anderen Kind, dem kleinen rosaroten Plüschäffchen)!

Montag: Putzen

„Ja, dieses Putzen ist jetzt wirklich ring gegangen“, verkündete der perfekte Ehemann zufrieden beim Abschiedskaffee mit unseren Walliser Verwandten. Ich sagte nichts. Offenbar sagte ich so laut und deutlich nichts, dass er sich genötigt fühlte zu ergänzen: „Also eigentlich habe ich ja nichts geputzt.“ Genau, das habe nämlich ich gemacht, aber ich schliesse mich ihm an. Es ist wirklich ring gegangen. Und er hat ja nicht nichts gemacht in der Zwischenzeit. Er hat das Auto beladen, den Abfall entsorgt, die Asche aus dem Ofen geschabt, Kühlschrank und Öfeli richtig ausgeschaltet und diverse andere Dinge gemacht, die er immer macht und von denen ich nicht einmal sagen kann, was es ist. Die Kinder durften noch einmal basteln bei der Zusatz-Grossmutter und fanden mich glaub etwas ungemütlich, als ich nach kurzer Kaffeerunde das Zeichen zum Aufbruch gab. Aber nachdem geputzt ist, ist Zeit zu gehen. Die Ferien sind vorbei. Das ist einfach so.

Und nun sind wir nach einer ruhigen Heimfahrt zuhause, das rosarote Häschen hat sein neues Hasenkind begrüsst, die Waschmaschine läuft und wir richten es uns unter der mittelländlichen Herbstnebeldecke gemütlich ein. Walliser Sonne, Schnee und andere Freuden bleiben in bester Erinnerung.

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