Vermeidungsverhalten

Der perfekte Sohn weiss, wie viele Buchstaben „Blog“ hat, er weiss, dass es irgendwo eine Eiche haben muss, wenn am Boden Eicheln liegen, er kann schnell Laufrad fahren und fast so schnell bremsen, er kann bis in den Himmel hinauf riitiseilen und mit Hilfe eines Schemelis auf den Quittenbaum klettern. Er kann ausrechnen, was 3×4 gibt, wenn er das gerade wissen muss, er kann sich selber anziehen, falls das in seinen Augen gerade Sinn macht (was aus meiner Sicht leider selten der Fall ist), er kann Eier aufschlagen und perfekten Crêpe-Teig rühren und nicht zu vergessen, er kann mit gerade mal vier Jahren Scharlach kriegen.

Was er nicht so gut kann, sind feinmotorische Tätigkeiten. Die Bügelperlen-Bilder lässt er mich nach seiner Anweisung stecken, Ketteli gibt er bei der Schwester in Auftrag, die kleinen Lego lässt er links liegen und beim Malen versucht er nicht einmal, den Stift richtig in die Hand zu nehmen. Das hat mich bis jetzt nicht so beunruhigt, aber nun ist mir letzte Woche aus irgendeinem Grund die Vierjahres-Kontrolle der perfekten Tochter beim Kinderarzt eingefallen. Vielleicht weil wir gleich zweimal hintereinander in der Praxis waren oder vielleicht weil ich so viel Gelegenheit hatte, den perfekten Sohn bei Indoor-Aktivitäten zu beobachten.

Damals, als die perfekte Tochter 4,5-jährig war, ein halbes Jahr vor Chindsgi-Eintritt stand und ich extrem stolz war, dass sie so einen souveränen Spielgruppen-Start hingelegt hatte und überhaupt auf dem besten Weg war, chindsgireif zu werden – da hat der Kinderarzt gemeint, also feinmotorisch sei sie schon nicht so weit. Gut, den Kreis konnte sie ausschneiden und die Figuren, die sie nachzeichnen musste, konnte sie auch, aber sie hielt den Stift nicht richtig in der Hand. Das müsse sie aber schon können, wenn sie in den Chindsgi komme. Falls sie es nicht rechtzeitig lerne, sei eventuell eine Ergotherapie angezeigt. Ach ja, und dass sie nur bis 20 fehlerfrei zählen konnte, fand er auch nicht so gut, aber das ist ein anderes Thema.

Ich habe dann leicht geschockt bei den Kindergärtnerinnen in meinem Bekanntenkreis nachgefragt, ob man die richtige Stifthaltung nicht eventuell im schlimmsten Fall noch im Chindsgi lernen könnte, falls die Mutter es nicht geschafft haben sollte, sie dem Kind rechtzeitig beizubringen. Sie bestätigten mir dies und so schickte ich die perfekte Tochter ohne richtige Stifthaltung und ohne vorherige Ergotherapie in den Kindergarten und sie war tatsächlich nicht die Einzige, die es noch lernen musste und nun kann sie es prima, wenn sie nicht gerade vergisst, daran zu denken. Auch sonst lässt sich meiner Meinung nach an ihren feinmotorischen Fähigkeiten wenig aussetzen – aber mal schauen, was der Kinderarzt dann meint, wenn wir zur 6-Jahres-Kontrolle gehen. Neben dem Schreck, den er mir verpasst hat mit seinen Erwartungen an das Können von Vor-Kindergarten-Kindern, hat er aber auch eine interessante Frage gestellt zum Thema Entwicklung: „Hat sie ein Vermeidungsverhalten? Gibt es etwas, dass sie bewusst vermeidet zu machen?“ (Nein, gab es nicht.)

Daran habe ich letzte Woche herumstudiert, als ich einen Bügelperlen-Regenbogen für den perfekten Sohn machte, während er mir die Perlen bereit legte. Vermeidet er etwa gerade? Sollte ich ihn motivieren, selber zu stecken? Halt nicht mit diesen kleinen Perleli, sondern mit den XXL-Perlen, die wir auch haben? Ist es schon gut, dass er mir die Perlen überhaupt bereit legt und das doch recht geschickt? Sollte ich eh aufhören, über das Thema nachzudenken, schiebe ich wieder einmal unnötig Panik, brauche ich einfach einen anderen Bereich, über den ich mir Gedanken machen kann, nun wo er angefangen hat, deutlicher zu sprechen? Passiert es mir tatsächlich, dass ich will, dass er in ein paar Monaten die „Prüfung“ beim Kinderarzt besser ablegt als seine Schwester vor zwei Jahren? Wie wichtig ist es eigentlich, dass jedes Kind in jedem Entwicklungsbereich gut ist? Was heisst „gut sein“? Ist es schlimm, als Kind ein Vermeidungsverhalten zu haben? Wie viel Ausgeglichenheit ist für eine gesunde Entwicklung nötig? Wie früh soll und darf man von Begabung oder halt „Nicht-Begabung“ sprechen? Ab wann werden Neigungen und Interessen wichtig? Wann ist es eine Entwicklungsverzögerung, wann eine Störung, wann sind es natürliche Entwicklungsunterschiede? Wie schnell müssen Kinder lernen? Wann müssen sie lernen? Wer legt fest, wann sie was können sollten?

Der perfekte Sohn hat meinen Fragen übers Wochenende ein vorläufiges Ende bereitet: Er hat ein Ketteli gemacht. Mit den kleinen Bügelperlen, die er auf eine Bastschnur aufgefädelt hat, die eigentlich viel zu dick war und die er ganz dünn verdrehen musste, dass die Perlen darüber passten. Also echt – eine viel kniffligere Aufgabe hätte er sich nicht stellen können! Und er hat sie gemeistert, was ihn weniger erstaunt hat als mein überschwängliches Lob für seine tolle Leistung. Gerade eben ist er zudem mit einer tollen Eicheln-Chrälleli-Kette aus der Waldspielgruppe zurück gekommen, die zu machen ihm offensichtlich grosse Freude bereitet hat. Ich gebe also mal vorsichtige Entwarnung bezüglich Vermeidungsverhalten in feinmotorischen Dingen.

Und doch, es wird ein ewiges Thema bleiben für mich, das mit dem Fordern und Fördern meiner Kinder. Es wird für mich eine Gratwanderung bleiben zwischen „gedeihen lassen“ und nachhelfen. Wann, wo, wie?

Was mir ein wenig Angst macht, ist dass sie ja noch nicht mal in der Schule sind! Was werde ich mir dann erst für Gedanken machen! Wer wird dann noch alles mitreden! Wie viel mehr Vergleichsmöglichkeiten mit anderen Kindern und Eltern werden sich auftun! Vielleicht ist es ja doch gut, dass ich mir jetzt schon Gedanken mache, dass ich dran bleibe, dass ich um Vertrauen in meine Kinder und in meine Beobachtungsgabe ringe. Und dass ich nie vergesse, mit dem perfekten Ehemann Rücksprache zu nehmen, der eine sehr gute Beobachtungsgabe hat und zudem eine gute Portion väterlichen Pragmatismus.

Also, ich werde es auch in Zukunft nicht vermeiden, mir Gedanken über die Entwicklung meiner Kinder zu machen und wahrscheinlich werde ich es auch nicht vermeiden, mir zu viele Gedanken zu machen. Und ganz bestimmt wird es sich nicht vermeiden lassen, dass alles, was mit lernen zu tun hat, Thema bleibt in diesem Blog.

6 Antworten zu “Vermeidungsverhalten

  1. Herr Largo ermutigt uns gerade heute wieder in einem Interview (im Magazin des einen Grossverteilers) zu mehr Gelassenheit:
    „Ich kenne Buben und Mädchen, die sind zweieinhalb Jahre alt und können lesen, und andere haben noch mit zehn Jahren Mühe damit. Jedes Kind ist eben ein Unikat.“
    Auch wenn die Kinder dann spätestens in der Schule alle am gleichen Massstab gemessen werden, dürfen wir Eltern uns freuen an unseren einzigartigen Wundern, die uns anvertraut sind.

  2. Also – der perfekte Grossvater ist einfach nur stolz auf seine Tochter und auf seine Grosskinder. Macht euch Gedanken und entwickelt euch miteinander. Aber lasst euch nicht zum Verknorzen verknurren oder verführen. Ich habe noch kein Pflänzli gesehen, das besser gewachsen ist, wenn man daran herumdrückte oder schneller, wenn man daran zog. Seid, wie ihr seid und wachst miteinander und aneinander.

    • Ja, das stimmt, gerade das Herumdrücken könnte ihnen viel mehr schaden als nützen! Danke für die ermutigenden Gedanken und ich würde mich melden, wenn ich merke, dass es knorzig wird.

  3. Ich glaube nicht, dass mein perfekter Sohn schon jemals eine Kette aufgefädelt hat, und er ist immerhin schon sechs! Ich denke, er hatte schlichtweg auch noch nie irgendein Interesse daran, eine zu haben;). Ist halt ein Bub. Naja, wenn er Ducatis auffädeln dürfte…

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s