Streptokokken-Börse

Scharlach. Dies die Diagnose der Kinderärztin, nachdem sie mit der perfekten Tochter zusammen einen Zaubertrank zubereitet hatte: Zwei Tröpfchen vom Grünen, zwei Tröpfchen vom Weissen, mit dem Zauberstab im Mund der perfekten Tochter herum zaubern und dann damit die Tröpfchen ummischen, noch zwei Tröpfchen vom Blauen, alles auf ein Plättchen giessen und warten, was der Zaubertrank für ein Zeichen ins grosse Feld malt. Ein +. Weil man mit dem + dazu zählt und zur perfekten Tochter jetzt noch Streptokokken dazu kommen . Und als Folge davon Antibiotika. Das sie im Übrigen nicht will, weil sie es nicht mag, während der perfekte Sohn es unbedingt will, weil es rosa ist, aber nicht darf. „So blöd!“, findet er und da hat er recht.

Dem Antibiotika ist es egal, es nützt, auch wenn man es eigentlich nicht haben will und so geht es der perfekten Tochter gar nicht so schlecht. Gut genug jedenfalls, dass ich beschloss, trotz Streptokokken die bereit gelegten Herbst-/Wintersachen endlich in die Kinderkleiderbörse zu bringen, so lange man noch darf. Natürlich ist es blöd, mit einem ansteckenden Kind ausgerechnet in eine Kinderkleiderbörse zu gehen, aber die ganzen Sachen noch ein Jahr im Keller zu lagern, ist auch blöd. Tatsächlich gab es einen ganz strengen Blick und einen deutlich hörbaren Seufzer der neuen Börsenbetreiberin, als ich mit meinen Sachen ankam, aber meine deutliche Ansage, sie habe mir letzte Woche am Telefon gesagt, ich dürfe diese Woche noch kommen, liess sie mein ramponiertes Nervenkostüm schnell erkennen und so fing sie ohne grosse Worte an, meine Sachen anzuschauen. Spätestens als sie die gut erhaltenen Winterschuhe der Nachbarsbuben (die dem perfekten Sohn leider auch schon zu klein sind) sah, versöhnte sie sich mit mir und meiner späten Abgabe. Der Kinderwagen, den ich mit ein bisschen Wehmut ein letztes Mal durchs Städtchen geschoben hatte, entlockte ihr so etwas wie ein Schnurren und ich glaube, wir haben doch noch einen guten Start in unsere Zusammenarbeit gefunden. Zum Dank haben wir ihr eine Skihose und ein blaues Shirt für die perfekte Tochter abgekauft und ein rosa Shirt für den perfekten Sohn (wenn er schon keinen rosa Antibiotika-Sirup haben darf). Dass wir ihr gratis noch ein paar Streptokokken im Laden verteilt haben, hat sie wahrscheinlich nicht gemerkt, da sich die perfekte Tochter recht gut an meine Anweisung hielt, im Laden drin bitte nicht so laut zu husten. Es tut mir leid, falls irgendein unglückliches Kind so eine Bakterie von uns auflesen sollte, aber vielleicht kriegt es ja dafür noch ein paar tolle Winterschuhe dazu. Als + sozusagen.

Der perfekte Sohn hat übrigens schlechte Karten, auch noch an den rosa Sirup zu kommen: Laut Ärztin ist er noch nicht im typischen Scharlach-Alter. Dafür hat er heute Abend ein + an Aufmerksamkeit gewonnen: Er musste sich übergeben und zwar, als er auf meinem Bett sass! Ja, es bleibt spannend bei uns.

2 Antworten zu “Streptokokken-Börse

  1. Ach, weisst du, es ist umgekehrt: Ich schaffe es viel besser, wenn ich Blogartikel dazu schreibe! Das hilft beim Verarbeiten und beim Runterfahren und gibt mir das Gefühl, einen eigenen „Raum“ zu haben. Danke für deine lieben Worte!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s