Fortschritte im Umgang mit Wut und Frust

Der perfekte Sohn und ich haben eine gute Zeit miteinander. Mit viel weniger Wutanfällen seinerseits als noch vor kurzem und mit viel weniger heftigen Ausbrüchen von beiden Seiten. Mir hilft es sehr, dass ich gelernt habe, hinter seiner Wut den Frust zu sehen, den ich zwar häufig auch nicht nachvollziehen, aber doch nachfühlen kann. Zu denken, dass die Frustrationsgrenze gerade etwas gar tief liegt und dass er durchaus noch lernen kann, konstruktiver mit seinem Frust umzugehen ist schon viel positiver als zu denken, dass sich dieses Kind SCHON WIEDER total unmöglich benimmt.

Also, wir haben es gut, ich freue mich an den Fortschritten und folge dem übergeordneten Ziel, meinen Kindern Empathie und Selbstwert zu vermitteln, statt mich von jedem kleinsten Scharmützel beeindrucken zu lassen.

Wie schön. Und wie gut es funktioniert, wenn wir alle gut zwäg sind oder wenn zumindest einige von uns es sind. Schon schwieriger allerdings, wenn wir nicht zwäg sind. Wenn sich die perfekte Tochter vom Kopfweh und dem Fieber des Tageskindes hat anstecken lassen, der perfekte Sohn zumindest das Fieber übernommen hat und ich als Quereinsteigerin eine Erkältung mitbiete.

Wir sind gerade so krank, dass wir den Chindsgi und alle Auswärts-Aktivitäten abgesagt haben, aber viel zu gesund, um nur im Bett zu liegen. Und so langweilen wir uns furchtbar und greifen nach jeder Beschäftigungs-Idee. Wir haben schon eine Frühlingsdekoration zusammengenäht, die ich im vorletzten Frühling gekauft und nie gemacht habe. Wir wollten in der Apotheke einkaufen gehen und als mir unterwegs einfiel, dass die heute geschlossen hat, haben wir wie früher einfach ein Ründeli ums Quartier gedreht. Wir haben die Bettwäsche der Kinder gewechselt und die Nachttischen aufgeräumt und abgestaubt. Und wir haben ein lange verschobenes Projekt der Kinder durchgeführt: Ich sitze auf dem Wasserbett und versuche, ein Ausmalbild schön auszumalen, während sie um mich herum hüpfen.

Lustig – und ich fühle mich dabei ziemlich grosszügig und witzig und so bin ich auch für die nächste Idee offen: Wir malen den Leuten auf dem Heftli, das ich als Unterlage gebraucht habe, die Gesichter farbig an! Auch lustig. Allerdings auch ärgerlich, wenn der perfekte Sohn mit seinem schwarzen Stift alles übermalt, was seine Schwester und ich mit den helleren Farben gemalt haben. Und wenn er schwungvoll übers Heft hinaus meine Trainerhose anmalt. Also stopp – pädagogische Intervention! Jeder darf sich eine Doppelseite aus dem Heft aussuchen und diese im Spielzimmer am Tischchen ausmalen gehen.

Die perfekte Tochter verschwindet ins Spielzimmer, ich nutze die Gelegenheit, um noch schnell eine Kolumne zu lesen und der perfekte Sohn? Äähm, der sitzt am Boden und brabbelt etwas vor sich hin. Kann er ja. Soll er doch. Aber warum eigentlich? Und was sagt er? UND WAS MACHT ER? Er malt mit seinem schwarzen Filzstift den Teppichboden an! Strich um Strich, heftig und vor sich hin schimpfend. Ganz offensichtlich seinen Frust rauslassend. Was für einen Frust?! Auf jeden Fall einen, für den ich gerade nicht das geringste Interesse aufbringe! Ich interessiere mich für den Teppich und dafür, wie ich ihn wieder sauber kriege. Ich interessiere mich dafür, dass der Filzstift möglichst schnell von dieser Kinderhand weg kommt. Ich interessiere mich dafür, dass das Kind möglichst schnell und deutlich hört, wie daneben ich es finde, wenn es den Teppich anmalt. Und ich tue das alles miteinander: schimpfen, wegnehmen und putzen. Mir dabei überlegen, dass ich wahrscheinlich gerade dabei bin, das Kind für meine Wut verantwortlich zu machen und dabei nicht sehr viel zu seinem Selbstwert beitrage, aber er muss jetzt raus – mein Frust. Sorry, geht nicht anders. Das Kind weiss übrigens schon, dass man keine Böden anmalt, findet aber im Übrigen, dass das hier gar kein Teppich sei und dass ich halt hätte wählen sollen: Entweder er darf im Bett Heftli anmalen oder er malt den Teppich an. „Ja, dann sag mir das doch!“, rufe ich aus, „wenn du wütend bist auf mich, dann sag es und sag mir auch, was du willst, aber male nicht einfach den Teppich an!“ – „Das ist kein Teppich!“ – „Doch! Und auch wenn es keiner wäre: Man malt nur auf Papier und ich habe gemeint, dass du das weißt!“ – „Ich weiss es!“ – „Dann male nicht auf den Boden!“ – „Entweder im Bett malen oder den Boden anmalen!“ Endlosschlaufe… Zum Glück ist der Teppich (ja, es ist einer!) sowieso dunkel und ich sehe schon fast nicht mehr, wo eigentlich die Striche sind, die ich putzen will. Zum Glück fängt der perfekte Sohn nicht an, mich zu schlagen oder zu beschimpfen. Zum Glück habe ich keine blöden Drohungen ausgestossen, die ich nun einhalten muss. Und so beruhigt sich die Situation langsam wieder und die Endlosschlaufe kommt zum Erliegen.

Zehn Minuten später frage ich: „Bist du noch wütend?“ – „Nein“, sagt er, „bist du noch wütend?“ – „Nein. – Und was machst du, wenn du das nächste Mal wütend bist?“ – „Ich sage es dir.“ Umarmung. Vorläufiges Happy End.

Ja, der perfekte Sohn und ich haben es gut miteinander.

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6 Antworten zu “Fortschritte im Umgang mit Wut und Frust

    • Danke, das tut gut. Ich finde, wir machen es immer besser und dass er am Abend einen Stein nach mir geworfen hat, statt mir zu sagen, warum er denn nun wieder wütend ist, kann man ja unter „Rückfall“, „im Lernprozess“ oder „erhöhte Müdigkeit“ abbuchen. Oder so.

  1. Perfektesmami, was hast du den genau gelernt ? hast du ein buch oder einen kurs besucht um mit der Wut und Frust von deinem Perfektensohn klar zu kommen?
    Lg Alexandra

    • Liebe Alexandra, mir hat das Buch von Jesper Juul „Aggression – warum sie für uns und unsere Kinder notwendig ist“ sehr geholfen. Einerseits habe ich einen neuen Blick auf die Aussetzer meines Sohnes bekommen, nämlich dass er aus Frustration so reagiert. Und zweitens habe ich verstanden, dass er am Lernen ist, mit seinem Frust umzugehen. Er muss es noch nicht können, aber ich kann versuchen, ihn beim Lernen zu unterstützen. Ich kann das Buch wirklich sehr empfehlen! Zusätzlich haben mir die Besuche bei der Kinesiologin geholfen, meine Rolle als Mutter anders wahrzunehmen. Ich muss meinen Sohn nicht im Griff haben, ich begleite ihn. Das ist eine Kurzfassung :-), du darfst gern nachfragen – auch mal bei einem Kafi!

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