Gutenacht-Ritual

Liebe perfekte Kinder, ich möchte euch heute den Sinn eines Gutenacht-Rituals im Allgemeinen und unseres Rituals im Besonderen erklären. Da ich kürzlich gelernt habe, dass zuviel allzu verständnisvoll daherkommende Kommunikation mütterlicherseits Aggressionen beim Kind auslösen kann, habe ich mich entschieden, diese Erklärung schriftlich abzugeben und zu hoffen, dass irgendwas irgendwie trotzdem bei euch ankommt.

Zum Allgemeinen:

Ein vertrautes und verlässliches Ritual am Abend hilft den Kindern sich zu entspannen, runter zu fahren, sich vom Tag zu verabschieden und sich auf die Nacht einzustimmen.

(wie alle Zitate in diesem Artikel aus www.swissmom.ch)

Schön gesagt! Genau darum geht es euren perfekten Eltern in der letzten halben Stunde vor – ja, vor was? Idealerweise vor eurem Einschlafen, aber meinetwegen auch vor eurem Spielen für sich, während die Eltern Feierabend haben.

Zum Besonderen:

Pijama-Anziehen, Zähneputzen:

Das ist die Übergangszeit vom Spielen zum Gutenacht-Ritual. Es geht darum, runter zu fahren mit dem Tempo und der Lautstärke, ruhiger zu werden, zu merken, dass die Zeit fürs Schlafen gekommen ist. Mit dem Tempo runter fahren heisst übrigens NICHT, minutenlang halb angezogen auf dem Bett zu liegen und nichts zu tun, füdliblutt anzufangen, mit den Bauernhof-Tieren zu spielen oder im Schneckentempo vom Schlafzimmer ins Badezimmer zu kriechen, wo die Mutter mit der Zahnbürste wartet und zuschaut, wie die Zahnpasta zwischen den Borsten versickert. Dabei könnte nämlich dieser Teil aus dem swissmom-Text verloren gehen:

Wichtig ist ausserdem eine harmonische Atmosphäre.

Ganz wichtig für diese Phase dünkt mich auch:

Nicht empfehlenswert ist wildes Herumtoben, denn das dreht die Kinder nur noch mehr auf, statt sie zu beruhigen.

Büechli-Erzählen:

Zeit, euch zu entspannen. Zuzuhören, aktiv oder passiv, euch berieseln zu lassen, die Nähe zu Mami oder Papi zu geniessen, anzusprechen, was euch noch auf dem Herzen liegt (auch wenn es nichts mit der Geschichte zu tun hat). Seit es zwei separate Büechli gibt, gehört auch dazu, dass ihr beide eine kurze Zeit nur mit Mami oder Papi hat.

Wegen der harmonischen Atmosphäre ist es in diesem Teil wichtig, Mamis Frage „Welches Büechli möchtest du heute?“ nicht fünfmal zu ignorieren und das Schneckenkriechen zu unterlassen.

Singen, Beten:

Die letzte aktive Elterntätigkeit. Ihr liegt im Bett, wir sitzen oder liegen neben euch und gemeinsam schliessen wir den Tag ruhig ab. Wenn ihr uns dabei kitzelt, giggelet, über unsere Köpfe hinweg streitet oder sonst dauernd dreinschwatzt, geht der Sinn der Sache irgendwie verloren und spätestens, wenn die Mutter entnervt schreit „Jetzt seid gopfridstutz endlich ruhig, damit ich beten kann!!!!“ stimmt etwas Entscheidendes nicht mehr.

Zwei Minuten neben euch liegen:

Eine Erfindung der perfekten Tochter, die dabei wirklich ruhig wird und der dies hilft, anschliessend ruhig auf den Schlaf zu warten. Wenig sinnvoll, wenn der perfekte Sohn unser Aufstehen als Signal nimmt, selber wieder aufzustehen, weil er ja gar nicht müde ist und noch spielen muss. Wäre allerdings auch kein Problem – man kann ja spielen, um ruhig genug zu werden zum Schlafen (andere lesen dazu) – aber nun kommt das Problem:

Damit ist das Ende des Rituals gekommen und damit das Ende der Bespassung durch die Eltern! Sie haben Feierabend! Sie haben Zeit, um selber runter zu fahren, um den Tag auf ihre Art abzuschliessen, um ihre Elternrolle mal etwas in den Hintergrund rutschen zu lassen.

Und wirklich, liebe Kinder, mich dünkt das nicht zuviel verlangt! Nach so einem schönen, ratgebermässigen Gutenacht-Ritual solltet ihr uns wirklich loslassen können. Okay, wir können nach zehn Minuten noch einmal nachschauen kommen, ob der Schlaf die perfekte Tochter schon übermannt hat. Ich würde sogar noch einmal zwei Minuten neben dem perfekten Sohn liegen, nachdem er fertig gespielt hat – ich bin da kompromissbereit. Aber nicht endlos. Und nicht so wie gestern!

Denn das geht gar nicht: Dass ihr mich während des ganzen Gutenacht-Rituals kaum wahrnehmt. Euch ins Pijama prügeln lässt, das Zähneputzen nebenbei in ein Spiel integriert, zuerst kein Büechli wollt, dann eins, das ihr zwei Tage vorher aussortiert habt, und dann doch ein anderes, während dem ihr nicht richtig zuhört, das Singen und Beten ignoriert, während des Nebendranliegens miteinander schwatzt und dann – wenn ich gegangen bin – mich plötzlich braucht! „Mami, i bruch no Salbi. – Mami, i ha Sand i de Auge. – Mami, tue no chnäte mit mir! – Mami, chum nomol cho näbedra ligge. – Mami…“ Mami???

Liebe Kinder, versucht doch bitte in Zukunft (also z.B. ab heute), euch etwas bereitwilliger auf unser Gutenacht-Ritual und unsere liebevolle Präsenz während Desselbigen einzulassen. Dann könnte das doch wunderbar klappen:

So kann das Kind noch einmal ganz viel Nähe und Geborgenheit erfahren, was ihm das anschliessende Einschlafen alleine sehr erleichtern wird.

Und dies wiederum wird den Erwachsenen den Feierabend sehr erleichtern.

Nun, was meint ihr, liebe Kinder?

5 Antworten zu “Gutenacht-Ritual

  1. Vielleicht gibt es für Kinder einen eigenen Ratgeber?! Einen, der Ihnen in einem bestimmten Alter heimlich Nachts zugeflüstert wird und in dem es darum geht, dass Eltern und insbesondere Mamis, immer das Gefühl haben wollen, etwas geleistet zu haben. Einfach nur brav ins Bett bringen und Feierabend haben, ist demnach offensichtlich viel zu unbefriedigend für uns. Erst, wenn es mind. 1 Std. Kampf rund um’s zu Bett gehen gab, haben wir hinterher das befriedigende Gefühl, wirklich etwas geleistet zu haben und können die sich ausbreitende Ruhe und den Frieden erst so richtig geniessen.

    P. S. Ich habe die Zahnfee im Verdacht…

    • Ja, der würde ich das sofort zutrauen :-)! Was ja tatsächlich stimmt, ist, dass die Freude über einen rasch und kampflos kommenden Feierabend umso grösser ist, je seltener man ihn bekommt…

  2. ich lach mich krumm 🙂 und bin – ehrlich gesagt – sehr beruhigt, dass es nicht nur bei uns so gar nicht nach „büechli“ zu und her geht.

  3. Ooh, jaaa!! Ich fühle mich so verstanden, perfektmami! Danke fürs Aufschreiben meiner äh… deiner Gefühle und Gedanken zum Thema. Und danke für deinen Galgenhumor! Viel Tröstliches oder HIlfreiches kann ich nicht schreiben ausser: wir sind offenbar nicht allein mit diesem Phänomen.

  4. @sara und marianne
    Aha, ihr habt auch nicht vor neun Uhr abends Zeit, an den Compi zu sitzen – wie tröstlich! Und wie schön, (einmal mehr) nicht allein zu sein mit den unperfekten Realitäten.

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