Kleines wird klein

Ferien sind schön. Länger schlafen, später ins Bett gehen, Ausflüge und Besuche machen, Zeit haben, sich Zeit nehmen. Nach einer halben Woche habe ich längst nicht genug davon. Und so kam der abgemachte Tag mit den Tageskindern ein bisschen ungelegen. Verplant sein, gefordert werden – das passte gerade nicht in meinen Ferienmodus. Dazu kam, dass ein Tag mit allen vier Kindern, ganz ohne Kindergarten, neu war und bestimmt seine Herausforderungen bereit halten würde. Herausforderungen? Nein danke, lieber ein andermal.

In der Nacht vorher schlief ich schlecht. Nicht wegen der Tageskinder, sondern wegen Halsweh. Immer wieder wachte ich auf und der Hals tat unglaublich weh. Halsschmerzen, zu wenig Schlaf – na prima, das passte ja perfekt zu meinem aller Wahrscheinlichkeit nach herausfordernden Tag. Das auch noch!

Noch bevor die Tageskinder da waren, noch bevor meine Kinder am Frühstückstisch sassen, erreichte mich ein Anruf des perfekten Ehemannes, der mit dem E-Bike auf dem Weg zur Arbeit war. „Ich hatte einen Unfall. Ein Auto hat mir den Vortritt genommen und ich bin über die Kühlerhaube geflogen. Mein Fuss schmerzt. Der Krankenwagen kommt bald.“

Wie klein Halsweh und ein Tag mit vier übermütigen Kindern plötzlich werden. Wie alltäglich und problemlos. Wie unverständlich, dass sie mir eben noch gross schienen. Wie beängstigend die Frage, ob er nur so ruhig tönte am Telefon oder ob alles plötzlich ganz anders sein wird. Wie quälend die Vorstellung, was alles hätte passieren können.

Am Abend war klar: Ein grosser Unfall ist glimpflich ausgegangen. Der perfekte Ehemann hat vier gebrochene Zehen am linken Fuss, ansonsten geht es ihm gut. Er muss den Fuss ruhig halten, für längere Zeit, und statt zu wandern wird er in den Ferien die schöne Aussicht vom Balkon geniessen. Nein, es hätte nicht sein müssen, nein, es ist nicht perfekt und ja, ich stelle mir vor, dass die nächsten Wochen ihre Herauforderungen mit sich bringen werden. Aber sie scheinen mir klein. Klein im Vergleich zu allen „was hätte… was wäre…“, die mir immer wieder durch den Kopf gehen. Unendlich klein im Vergleich zu dem Gefühl am frühen Morgen, als ich nur wusste, dass er einen Unfall hatte und telefonieren konnte und ansonsten meiner Fantasie ausgeliefert war. Gross war die Bewahrung, gross ist die Erleichterung und gross ist meine Bereitschaft, die Herausforderungen gelassen anzugehen.

Und gross wäre die Freude des perfekten Ehemanns, wenn mal jemand sagen würde: „Du Armer, das ist ja schlimm!“ und nicht nur: „Da hast du aber Glück gehabt, das hätte viel schlimmer kommen können!“

Eine Antwort zu “Kleines wird klein

  1. Er ist wirklich ein Armer – der perfekte Ehemann – mit den gebrochenen Zehen! Sag es ihm! Dabei war meine erste Reaktion, als ich vom Unglück Bericht erhielt : „Da hat er aber Glück gehabt – Gott sei Dank!“ Und wirklich – wie klein sind dann andere Sorgen, die einem vorher über den Kopf zu wachsen schienen.Wir wünschen von Herzen eine gute Besserung – und trotzdem ganz, ganz schöne Ferien!

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