Murrendes Volk

„Möchtest du Sirup oder Blötterliwasser trinken?“ – „I wott Hahnewasser!“ Mit diesem Wunsch am Znachttisch, auf dem kein Hahnenwasser stand, brachte die perfekte Tochter gestern das Fass zum Überlaufen. Das Fass war ich und ich überlief wortreich und lautstark und ihr patzig nachgereichtes „bitte“, machte es noch schlimmer. Schliesslich brach sie in Tränen aus und das Fass musste zugeben, dass es überreagiert hatte. „Es tut mir leid, ich habe gar nicht wegen dir so ausgerufen. Ich habe nur viel zu viele „i wott“ gehört den ganzen Tag lang.“

Zwei eigene und zwei Tageskinder, die einen tollen Tag miteinander verbracht, viel gespielt und wenig gestritten hatten. Vier Kinder, die aber auch abwechselnd und immer wieder ausprobierten, ob es nicht doch noch etwas Süsses geben könnte, ob nicht doch noch eine andere Frucht verfügbar wäre, ob nicht ausnahmsweise kurz vor dem Mittagessen ein Glas Fruchtsaft drin läge, ob es nicht statt dem versprochenen Schöggeli deren zwei geben könnte,… Ausprobieren gehört dazu, fragen darf man immer, aber was mich je länger je kribbeliger machte, war die Unzufriedenheit und Undankbarkeit, die ich hinter den Wünschen zu spüren glaubte. Drei verschiedene Zvierifrüchte und eine Sorte Cracker – aber im Schrank hat es noch welche mit Paprika und zudem getrocknete Mangoschnitze, die wären schon besser. Und sie sind ja da, warum soll man sie nicht bekommen? Genauso wie die Schöggeli, theoretisch könnte jedes Kind sieben davon haben und die Büchse wäre wohl immer noch nicht leer. Und klar gibt es mehrere Möglichkeiten für Getränke als nur Sirup und Blötterliwasser und wenn sie nun Lust auf Hahnenwasser hat…

Ich hängte meine Schimpftirade hauptsächlich daran auf, dass ich nicht mehr „i wott“ hören will, sondern eine anständige Frage und gern ab und zu ein „danke“. Eigentlich ging es aber um mehr. Ich haderte damit, dass es mir nicht gelingt, meinen Kindern Zufriedenheit beizubringen, mit dem was sie haben. Dankbarkeit, eine gewisse Genügsamkeit auch – die Fähigkeit, das Gute zu sehen, das man hat, und nicht ständig den Blick auf das gerichtet zu haben, was man nicht hat, aber auch haben könnte. Schwierig, dies weiterzugeben in einem Umfeld, in dem man alles und noch mehr hat. Frustrierend, so deutlich demonstriert zu bekommen, dass die erzieherischen Bemühungen nicht gefruchtet haben.

Am Abend traf ich mich in der Kirche mit einigen Frauen und wir befassten uns mit einem Bibeltext aus dem Alten Testament. Das Volk Israel, das durch die Wüste wandert und von Gott täglich mit Essen versorgt wird – täglich mit dem gleichen Essen! Sie murren, sie wollen etwas anderes, sie sind unzufrieden, sie klagen und weinen. Und Mose, ihr Führer, regt sich auf. Sie nerven ihn, sie benehmen sich nicht so, wie er es richtig findet, er kann ihr Gemotze nicht mehr hören, er ist überfordert, er hat genug! Ich nicke ihm zu, dem Mose. Genau, sie nerven, die murrenden, undankbaren Völker und Völklein. Und ich merke: Undankbarkeit, Unzufriedenheit mit dem was man hat, ist offenbar kein typisch modernes Phänomen und nicht allein Ausdruck einer übersättigten Wohlstandsgesellschaft. Es scheint etwas urmenschliches zu sein und das finde ich nun doch sehr entlastend. Ich werde mich weiterhin in Zufriedenheit und Dankbarkeit üben und mich bemühen, diese Werte weiterzugeben, aber ich will geduldiger sein mit mir und meinen Kindern.

„Hahnenwasser? Darfst du dir gern selber holen.“

Advertisements

Eine Antwort zu “Murrendes Volk

  1. Immer noch einfach gut und erfrischend zu lesen. ICh bin froh, bist du deiner Ringelseifenblattern weg!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s