Zum Muttertag

Als ich so darüber nachdachte letzte Woche, kam ich zum Schluss, dass er mir nicht zeitgemäss scheint, der Muttertag. Nicht dass ich etwas dagegen hätte, die Mütter zu feiern und zu verwöhnen – im Gegenteil – aber das Ganze geht doch vom Gedanken aus, dass die Mütter die ganze Familienlast auf ihren Schultern tragen und dafür einmal im Jahr tüchtig gelobt werden. Nun sind ja zum Glück die Aufgaben in vielen Familien nicht mehr so einseitig verteilt und ich finde, man sollte das Konzept nicht künstlich zementieren. Mir würde ein allgemeiner Familien- oder Elterntag viel besser gefallen, an dem die gemeinsamen Verdienste aller Beteiligten gewürdigt würden. Bei der Gelegenheit könnte man ja auch gleich wieder einmal über die Aufgabenverteilung nachdenken und die Zufriedenheit der verschiedenen Familienmitglieder prüfen…

Trotz der kritischen Einstellung habe ich mich am Mittwoch natürlich gefreut, als die Kinder aus Kindergarten und Spielgruppe Päckli heimbrachten und auf der Stelle in der Sauna versteckten. „Du darfsch nömm i d’ Sauna! Wie mängisch müend mer no schlofe bis zum Muettertag?“

Heute Morgen wachte ich wie meistens in letzter Zeit im Bett des perfekten Sohnes auf, weil er sich des Nachts in unser Bett geschlichen hatte und ich die Taktik des stillen Rückzugs verfolgte. Ich erwachte davon, dass der perfekte Ehemann nachschaute, ob wir Frauen noch schliefen. Ich tat so, als würde ich und gab so der perfekten Tochter die Möglichkeit aufzuwachen, zu realisieren, dass endlich Muttertag war, den Bruder zu mobilisieren, in die Sauna zu schleichen und die Geschenke zu holen. Ihr Ausflug in den Keller gab mir wiederum Gelegenheit, aufs WC zu gehen, um nachher tiptop bereit zu sein für alle Überraschungen. Unterwegs traf ich den perfekten Ehemann wieder und gab ihm die Anweisung, mich bald von den Kindern wecken zu lassen. Was diese wenig später mit einem energischen Streicheln taten und mich anschliessend zum Frühstückstisch begleiteten. Sie hatte ihn mit dem Tischset für Geburtstagskinder und ihren Geschenken geschmückt. Die perfekte Tochter hatte auch das Geschirr schon richtig hingestellt und ich musste warten mit dem Öffnen der Geschenke, bis mein Kaffee bereit war (wahrscheinlich dass ich mich nicht daran gewöhne, ihn heiss trinken zu können). Es war eine Freude, die Freude der zwei Schenkenden mitzuerleben und meine Freude über die mit Herzchen verzierte Handcrème und die zu Apérosticks verzierten und wunderbar verpackten Zahnstocher war ganz ehrlich gross. Danke meine Kinder und danke ihr kreativen Spielgruppenleiterinnen und Kiga-Lehrerinnen.

Später zog ich mich mit meinem angefangenen und wahnsinnig guten Buch ins Bett (mein Bett) zurück und genoss den offiziellen Frei-Tag. Bald legte sich der perfekte Sohn zu mir und da geschah es: Plötzlich überrollte mich eine riesige Welle von Glück und Dankbarkeit über mein Muttersein. Dies ist doch das wahre Privileg: Nicht dass ich einen Tag lang besonders geehrt werde, sondern dass ich die Ehre habe, Mutter zu sein.

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Eine Antwort zu “Zum Muttertag

  1. Menschen, die schreiben – schreiben über Gefühle, Enttäuschungen, Freude, Erwartungen, Trauer, Angst, leben sicher bewusster. Es ist eine Freude, die Texte der perfekten Mutter zu lesen, teilzuhaben am Alltag einer Mutter, ihr Glück und ihre Dankbarkeit fürs Muttersein zu spüren. Danke dafür!

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