Ringel…

Nicht –nattern, -socken, -blumen, auch nicht -reihe – nein, Ringelröteln hat der Doktor gefunden. Im ersten Moment war ich einfach nur froh, als er es sagte. Sie hatten einen Namen, meine Symptome, und dieser rechtfertigte sie als echt und nicht zur Hälfte eingebildet. Und es war die Diagnose einer Krankheit, die vorbei gehen wird. Meine Gelenke würden nicht den Rest meines Lebens schmerzen. Ich verliess die Arztpraxis erleichtert. Als ich später im Internet mehr über Ringelröteln las (mit ausdrücklicher Erlaubnis meines Arztes, er hat mir sogar ein Post-It mitgegeben mit dem Namen der Krankheit, damit ich korrekt googeln könne), lernte ich, dass die Krankheit häufig gar nicht bemerkt wird, da sie auch ohne Ausschlag verlaufen kann. Und geschwollene, schmerzende Gelenke kriegen eigentlich nur Mädchen und junge Frauen. Ja, danke schön!

Seither sind zwei Tage vergangen und ich habe sie schon sehr satt, meine Ringelröteln. Die Ringe zeigen sich nur höchst selten, aber immer wieder juckt es mich irgendwo, die Schuhe sind zu klein für meine dicken Füsse und Äpfel schälen wird zu einer noch grösseren Herausforderung als üblich. Ich bin müde und um meinen Kopf scheint eine Wattewolke zu wabbern. Nachts erwache ich, weil die Hände eingeschlafen sind – haha – und am Morgen stehe ich ratlos vor der Orangensaftflasche und frage mich, wie ich diese mit meinen steifen Wurstfingern öffnen soll. Im Lauf des Tages schwellen sie dann ab und manchmal vergesse ich fast, dass ich krank bin. Bis mich der perfekte Sohn in der Mittagsruhe bittet, mich ein wenig neben ihn zu legen und ich dies noch so gern tue. Und auch gar nicht mehr aufstehe, sondern fast (die Kinder behaupten ganz) einschlafe.

Natürlich hat es auch etwas Entspannendes, krank geschrieben zu sein und die Flecken am Boden mit ruhigem Gewissen grösser werden zu lassen. Die Haare auf den Badezimmerplatten sich vermehren und den Wäscheberg wachsen zu lassen. Im Gartenstuhl zu sitzen, zu lesen und zu schreiben und sich bei den Pflanzen, die umgetopft werden sollten, zu entschuldigen. Das Zvieri zu vergessen, sodass die perfekte Tochter schliesslich selber in die Küche geht und Bananen schneidet für sich und ihren Bruder. Leider reichen die Ringelröteln aber nicht, damit ich mich komplett fallen lassen kann. Es geht mir zu gut, um die Arbeit gar nicht mehr zu sehen, um nicht ein Jucken in den Fingern zu verspüren (ein anderes als das, das zum Krankheitsbild gehört), um nicht zu realisieren, dass alles nur aufgeschoben, aber nicht aufgehoben ist.

So verziehe ich mich, so gut es eben geht, in meine Wattewolke, strecke ab und zu den Kopf raus und mache, was gemacht werden muss, und warte darauf, wieder gesund zu sein. Wieder zu mögen. Mich wieder ohne Schmerzen bewegen zu können. Und beim Warten kommt auch Dankbarkeit: Dafür, dass mein Alltag es mir erlaubt, mich zumindest halb fallen zu lassen. Dass meine Kinder gross und verständig genug sind, mir das Kranksein zu erlauben. Dass der perfekte Ehemann ohne Reklamation Zusatzaufgaben übernimmt. Dass die Krankheit vorbei gehen wird.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s