Gelassenheit

Mein perfekter Ehemann hat sich beklagt. Er findet, er tauche in meinem Blog nur als der typische berufstätige Vater auf. Der anruft, weil er später vom Arbeiten nach Hause kommt oder der die Garderobe flicken muss, die die übereifrige Hausfrau kaputt geputzt hat. Oder der kochen darf, während die arme Mutter mit den Kindern Skirennen schauen und Fragen beantworten muss. Er hat natürlich recht: Dieses Bild wird ihm nicht gerecht. Und deshalb ganz besonders für ihn, aber auch weil es tatsächlich eine Geschichte ist, die hierhin gehört: Der gestrige Abend.

Endlich ist es warm. Endlich kann man den Garten und die Umgebung geniessen. Endlich kann man aus dem Haus, ohne tausend Sachen anziehen zu müssen. Endlich hat es wieder Sand an den Kinderkleidern und überall im Haus. Endlich kann man auf dem Sitzplatz Znacht essen. Endlich kann man bis um halb elf in der Nacht draussen am Feuer sitzen. Also – die letzten beiden Punkte würde ich noch nicht einmal erwarten im April, aber offenbar denkt sich der Frühling gerade: wennschon dennschon! Und er hat ja so recht damit.

Wir sind also alle im Garten. Die Mutter im Liegestuhl ihres perfekten Ehemanns, da sie zu faul war, ihren eigenen aus dem Gartenhüüsli zu holen. Sie liest. Ein Buch über Erziehung. Und da der Untertitel des Buches heisst „Gelassen erziehen“, passt es sehr gut, dass sie zum Lesen im Liegestuhl liegt. Der perfekte Vater liegt auch. In der Hängematte. Unter zwei Kindern. Die darauf bestanden haben, dass sie die Hosen ausziehen müssen, wenn sie in die Hängematte gehen und sich lautstark gegen die andere Meinung ihres Vaters durchgesetzt haben. Die nun giggelen und zappeln müssen, weil sie mit der Hängematte ihre blutten Beine zudecken müssen. Die noch mehr giggelen und zappeln müssen, weil sie gemerkt haben, dass sie Insekten sind, die sich in einem Spinnennetz verfangen haben. Und unter und neben ihnen liegt eben der Vater und praktiziert ganz selbstverständlich die gelassene Erziehung, die sich die Mutter gerade anzueignen versucht.

Übrigens liest sie über eine andere Mutter, die lernen sollte, Verantwortung abzugeben und ihren Mann mit den Kindern so umgehen zu lassen, wie er es eben macht. Und so sage ich keinen einzigen Ton über die blutten Beine meiner Kinder. Nein, ich mische mich in keiner Art und Weise ein und geniesse es einfach, gelassen zu lesen, während mein perfekter Ehemann und die Kinder einander beschäftigen. Und ich freue mich darüber, dass dies keine Ausnahme ist und ich wirklich nicht lernen muss, die Kinder ihrem Vater anzuvertrauen und er nicht, sich ihrer anzunehmen. Das können wir schon. Und jetzt lerne ich noch das mit dem nicht Einmischen – ich glaube, dieser Frühling eignet sich prima dafür.

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