Lernen

„Freust du dich auf die Schule?“ Blöde Frage, ich weiss. Erstens stellt sie jeder und jede spätestens ab Beginn des zweiten Kiga-Jahres und zweitens ist es noch schwierig, sich auf etwas zu freuen, das man noch gar nicht kennt. Ich habe sie diese Woche trotzdem wieder einmal gestellt und darauf ein Antwort bekommen, die ich so noch nie gehört habe: „Nein, nicht so. Weißt du, ich kann noch nicht lesen und rechnen.“ „Aber das macht doch  nichts!“, rief ich aus tiefstem Herzen, „das lernst du doch genau in der Schule!“ Also ehrlich, ich jedenfalls wurde dafür ausgebildet, den Erstklässlern genau das beizubringen. Und ich finde es auch relativ einfach, im Gegensatz zu all den Punkten aus der Sparte „Selbstkompetenz“ und „Sozialkompetenz“, deren Entwicklung und Förderung in der Schule viel, viel schwieriger sind. Besagtes Mädchen scheint mir aber genau in diesen Punkten prima unterwegs zu sein. Ich meine, sie hätte das Zeug zu einer Lieblingsschülerin…

Szenenwechsel. Ich liess mir am Sonntag von meiner perfekten Schwiegermutter zeigen, wie sie Flicken auf die Hosen meiner Kinder näht (die Flicken, die man nur aufbügeln muss, dies aber jeden zweiten Tag). Es sah schon etwas knifflig aus, vor allem die vielen Ecken des Hello-Kitty-Bildchens, aber nicht so kompliziert, dass ich es mir nicht zugetraut hätte. Ich setzte mich heute also an meine immer noch ziemlich niegelnagelneue Nähmaschine. Der Plan: Einen Flicken in Form eines Fussballs (keine Ecken!) auf die Hose meines Sohnes (die kleinstmögliche Hose in der Familie) zu nähen.

Einmal habe ich das Hosenbein zusammen genäht (obwohl ich die perfekte Tochter ausgelacht hatte, als sie mir dies prophezeit hatte – sie hält noch nicht besonders viel von meinen Nähkünsten). Mehrmals habe ich mich vergewissert, dass ich nicht noch einen Teil der Maschine abnehmen kann, damit es nicht so ein Gewurstel gibt mit der Hose. Etwa fünfmal habe ich neu angefangen. Einmal habe ich die Stichlänge verstellt. Mindestens zweimal war ich kurz davor, eine erfahrene Näherin anzurufen. Und jetzt ist er dran, der Fussball. Die Unregelmässigkeit der Stiche könnte man vielleicht als kunstvoll bezeichnen, aber das ist auch gar nicht nötig. Ich bin keine gute Näherin. Aber ich lerne jetzt, Flicken an die Hosen meiner Kinder zu nähen.

Allerdings bin ich sehr froh, dass ich das allein lernen kann. In meinem Tempo, dann wenn ich motiviert bin, mit Aufgaben, die ich mir selber stelle. Die Vorstellung, irgendjemand würde beschliessen, alle Menschen in der Schweiz müssten einen Monat nach ihrem 37. Geburtstag fähig sein, Flicken an Hosen anzunähen und deshalb würden sie in Gruppen zusammen gefasst und in ein Zimmer gesteckt, wo sie nach Plan nähen müssten – also diese Vorstellung gefällt mir gar nicht. Und dann könnten 15 der anderen 21 Siebenunddreissigjährigen schon nähen und wären trotzdem mit mir im gleichen Zimmer. Zehn davon würden bei jedem Flicken rufen: „Das isch doch bubig!“ Zwei würden immer wieder bei mir vorbei schlendern und erstaunt fragen: „Besch nonig fertig? Chasch du nonig näie? I ha das scho glehrt, woni zwänzgi gsii be.“ Von den sechs anderen, die auch noch nicht nähen konnten, würden zwei schneller lernen als ich. Einer würde zu den Sechsunddreissigjährigen zurück gestuft werden. Vielleicht käme auch eine Sonder-Nähpädagogin, die mit mir und den zwei anderen schwierigen Fällen während Wochen Fussbälle annähen würde, während die anderen längst bei Hello-Kitty sind…

Also: Ja, ich kann verstehen, dass sich die Kindergärtlerin nicht nur freut auf die Schule. Trotzdem hoffe ich von ganzem Herzen, dass sie jetzt nicht anfängt, rechnen und lesen zu büffeln, sondern weiterhin mit ihren Freundinnen abmacht und den Plan weiterverfolgt, sich als Pippi Langstrumpf zu verkleiden und ein weisses Pferd mit schwarzen Flecken zu kaufen. Der Rest wird kommen, ich bin versucht, ihr das zu garantieren.

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4 Antworten zu “Lernen

  1. Mein Lehrerherz hüpft. Diesen Text solltest du sämtlichen Pädagogischen Fachhochschulen und der Bildungskommission der SVP zustellen.

  2. Ich würde mich sehr gerne neben dich setzen in der Klasse der 37jährigen, die Flicken-an-Hosen-nähen lernen sollen, auch wenn ich noch nicht ganz 37 bin :-).
    Mein bald zweijähriger Sohn hat vom Moment des Krabbeln-Könnens bis zum Moment des Gehen-Könnens – und das dauerte bei ihm verhältnismässig lange! – ungefähr 20 Hosenknie gelöchert. Diese Hosen (Grösse 80) liegen alle ungeflickt auf einem Stapel und warten darauf, an eine Leine gehängt, zur Erinnerung fotografiert und dann in den Abfallsack gesteckt zu werden. Meinem Sohn sind sie nämlich zu klein, einen Nachfolger in unserer Familie wird er nicht haben und mir fehlt ganz einfach die Zeit und die Motivation, alle zu flicken und sie weiterzugeben.
    Aber nach der Lektüre deines Textes bin ich neu motiviert, mich der künftigen Löcher in den Kinderhosen mit meiner ebenfalls noch fast neuen Nähmaschine anzunehmen.
    Und als kleines Zückerli nähe ich zwischendurch mit schönem Stoff einen Kissenüberzug für die Kinderzimmerkissen. Das ist eine einfache Anfängerarbeit und sieht trotzdem gut aus!

    • Marianne, mit dir würde ich sehr gern in die Näh-Schule gehen! Und mir von dir das mit den Kissenüberzügen zeigen lassen. Neben meiner Nähmaschine liegt noch ein Brotsack-Projekt, das ich bei Gelegenheit angehen will. Und ich habe gestern neue Flicken gekauft. Sogar solche mit Ecken, ich Übermütige…
      Die Idee, die Hosen deines Sohnes zu fotografieren, finde ich ganz cool :-).

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