Alle üben Geduld

Gestern Morgen habe ich Rüeblisalat gemacht für den Besuch am Abend. Wir würden nachher noch in die Kirche gehen, aber erst um halb elf, also nutzte ich die Zeit. Der perfekte Sohn spielte in seinem Zimmer, die perfekte Tochter malte in meinem Büro und ich dachte beim Rüeblischälen an die Kita-Leiterinnen, die an der gestrigen Weiterbildung erzählt hatten, wie unkonzentriert, ungeduldig und schnell frustriert die heutigen Kinder seien. U.a. weil sie ihren Eltern nicht bei alltäglichen Verrichtungen zur Hand gehen dürften. Ich stand also in der Küche und dachte daran, wie gern meine Kinder Rüebli schälen und wie gut sie mir jetzt helfen könnten. Und wie froh ich sei, dass sie es nicht täten! Wie schön und einfach ich es gerade fände, allein Rüebli zu schälen, ohne Schalen am Boden, ohne Diskussion, wer auf welchem Schemeli stehen darf, ohne mitgeschälte Fingerhaut und im Wissen, dass ich zügig fertig sein würde. Aber – so etwas sollte man als Mutter niemals denken! (Das ist, wie wenn man erzählt, die ganze Familie sei seit Monaten gesund – am nächsten Tag hat ganz sicher mindestens ein Familienmitglied Fieber.)

Ich hatte also die Rüebli geschält und auch schon ein paar davon geraffelt, da raffelte ich mir in den Daumen (so viel zur mitgeschälten Haut…) und holte ein Pflästerli. Was mich für die perfekte Tochter bemerkbar machte. „Was machsch? Darf i hälfe?“ Sicher. Es spricht ja nichts dagegen ausser meiner Bequemlichkeit. Schürze umbinden, Schemeli suchen (der perfekte Papi hatte es im Keller gebraucht, wo es immer noch stand) und los geht es. Eigentlich ganz praktisch, so kann ich in der Zwischenzeit die Sauce machen. Und dann vorewäg ums Schemeli herum Rüeblischnipsel beseitigen. Und dann wird es mir doch etwas langweilig und ich wäre froh, wenn die perfekte Tochter sagen würde, sie hätte jetzt genug. Oder wenn es schon so spät wäre, dass sie sich unbedingt für den Kirchgang anziehen müsste. Aber nichts davon geschieht. Und so stehe ich in der Küche und übe mich in Geduld. Was an sich eine gute Sache ist, denn Geduld ist keine Stärke von mir und es ist ganz okay, wenn ich mich darin übe (konzentrieren kann ich mich aber gut und besonders schnell frustriert bin ich auch nicht – wahrscheinlich durfte ich genug mithelfen als Kind). Just in dem Moment, in dem alle Rüebli geraffelt sind, kommt der perfekte Sohn in die Küche. „Was mache der? Darf i hälfe?“ Geht leider nicht. Schon fertig. In Erwartung eines Wutanfalls atme ich noch einmal tief durch – aber der kommt nicht. Ein wenig Gejammer und die Forderung, die Schnipsel, die neben der Schüssel gelandet sind, essen zu dürfen und fertig.

Es wurde dann doch fast etwas hektisch mit dem Kirchgang. Die perfekte Tochter zog nämlich eine Rüeblispur hinter sich her auf dem Weg zu ihren Kleidern und der perfekte Sohn half mir beim Wischen. Und ich übte Geduld.

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