Mein Haushalt und ich

Meine perfekte Freundin wünscht sich einen Text zum Thema perfekter Haushalt. Da sie ab und zu bei uns zu Besuch ist und meinen Haushalt kennt, gehe ich davon aus, dass es nicht um den perfekt sauberen und aufgeräumten Haushalt geht, sondern um die perfekte Balance zwischen das Haus im Schuss halten und im Haus leben.

Mein Haushalt besteht natürlich aus diversen Teilbereichen, es gibt aber einen, der mich besonders viel Zeit kostet und die Balance öfter als andere ins Wanken bringt. Weil er von allen der empfindlichste und der sichtbarste ist. Unser weisser Plattenboden. Er ist etwas vom ersten, was man in unserem Haus sieht, nämlich sobald man sich die Schuhe auszieht. Er erstreckt sich weiter vom Eingangs- in den Ess- und von dort in den Kochbereich und auch gleich noch in die Stube und ins Gäste-WC. Und er ist wirklich weiss, nicht so gräulich, bräunlich, beige oder eine andere Farbe, in der man vielleicht einmal kleckern oder brösmelen würde. Nein, einfach weiss und man sieht alles darauf, was nicht ursprünglich schon dort war.

Ich habe gelernt, dass der weisse Plattenboden nicht zu jeder Zeit perfekt brösmeli- und fleckenfrei sein muss, weil sonst die oben erwähnte Balance nie zum Stimmen kommt. Im Eingangsbereich z.B. gibt es einen Teil, auf den man wirklich auch mit ganz schmutzigen, pflotschigen Winterschuhen treten darf. Und der entsprechend aussieht. Um den Tripp Trapp des perfekten Sohnes hat es Flecken und ein paar Essensreste, die dem Besen Widerstand geleistet haben, und im Kochbereich tropft halt mal etwas und hinterlässt Spuren. Wir leben, wir kleckern, wir machen oft und gern etwas anderes als putzen. Irgendwann ist allerdings meine Schmerzgrenze erreicht. Die Anzahl Schmutz und Flecken spielt dabei eine Rolle, aber auch meine Verfassung.

In normalen komfortablen Wochen, wenn ich nach Plan (den ich so halbbatzig habe) putze, wird die Grenze manchmal gar nicht erreicht. Wenn das Programm anders ist als gewohnt und das Putzen als Aktivität mit geringer Priorität ausgefallen ist, ist sie allerdings plötzlich da. Und wenn sie einmal erreicht ist, dann muss der Boden sofort geputzt werden und zwar gründlich. Mit dem Staubsauger, dem grünen Mikrofaser-Bodentuch und dem weissen Mikrofaser-Bodentuch. Mit den Stühlen und Tripp Trapps beineüber auf dem Tisch, damit ihre Füsschen auch sorgfältig geputzt werden können. Sie sollen ja nicht gleich wieder Striemen machen. Ich putze so gründlich, dass der Boden für ein bis zwei Stunden wirklich brilliert.

Es kann vorkommen, dass die Schmerzgrenze erreicht, es aber gerade Mittwochmorgen ist und ich nicht zuhause bin und wir am Nachmittag Besuch bekommen. Dann kann ich auch eine Putz-Schnellversion durchgehen lassen. Und falls der Besuch unangekündigt kommt, muss er halt mit dem Dreckboden leben, mit oder ohne entschuldigende Erklärung von mir, auch wieder je nach meiner Verfassung.

Diese Woche kam es vor, dass die Schmerzgrenze schon am Montag erreicht war. Zweimal Besuch übers Wochenende, mangelnde Disziplin beim Wischen nach dem Essen und Matschwetter hatten dafür gesorgt. Kein Problem, am Montagmorgen hatten wir nichts los – also putzen. NEIN. Ich habe nicht geputzt. Ich habe eigentlich nichts gemacht. Ausgeschlafen, die Kinder spielen lassen, halbherzig etwas am Compi gemacht, Zeit gebraucht, um die vielen spannenden Begegnungen vom Wochenende zu verarbeiten. Morgen würden meine Eltern zu Besuch kommen, ich würde vorher noch den Boden putzen. Montagnachmittag waren wir auf Besuch, Dienstagmorgen mussten wir noch schnell einkaufen und schon waren meine Eltern da. Und in dem Moment war mir der schmutzige Boden peinlich. Er war schmutzig, weil ich zu faul gewesen war zum Putzen. Es gab keine Entschuldigung und keine Erklärung. Nicht dass meine Eltern eine gewollt hätten, sie kamen nicht wegen des Bodens zu Besuch und dass er schmutzig war, beeinträchtigte sie und die perfekten Kinder nicht in ihrem Zusammensein-Glück. Aber ich hatte meiner doch recht grosszügig ausgelegten Rolle als Hausfrau nicht genügt. Die Balance stimmte nicht, diesmal auf Kosten der Putzseite. Unangenehm. Eben peinlich.

So ist das mit meinem perfekten Haushalt.

Wie ich die Balance wieder hergestellt habe? Das war zum Glück einfach. Denn wenn meine Eltern zu Besuch kommen, sind sie das perfekte Kinder-Beschäftigungs-Programm. Und so kam es, dass ich den Boden während ihres Besuchs putzte. Und zwar das volle Programm, mit allem drum und dran. So gründlich, dass auch jetzt, Ende Woche, die Schmerzgrenze noch weit entfernt scheint.

3 Antworten zu “Mein Haushalt und ich

  1. danke herzlich für dein teil-haben-lassen an der grossen und oft ungeliebten aufgabe… ich fühle mich verbunden mit dir (einzige frage bleibt bei mir, wie du den boden perfekt putzen kannst, wenn zeitgleich dein eltern und deine kinder im haus sind?!).

    • Also es war so: Die weibliche Hälfte von Grosseltern und Kindern war nicht im Haus, während ich putzte, sondern auf Shoppingtour. Und die männliche Hälfte hatte ich in den oberen Stock verbannt, wo sie gemeinsam vom Sofa sprangen und sich überhaupt auf beste Grossvater-Enkel-Art unterhielten.
      Was mir unterdessen noch auf- und eingefallen ist: Es gibt ja nicht nur die grossen Haushaltsaufgaben, sondern auch die kleinen, mühsamen, blöden. Spiel- und andere Sachen vom Boden auflesen als aktuelles Beispiel. Evtl. ein andermal mehr dazu, mir scheint gerade, damit habe ich im Moment mehr Mühe als mit den grösseren, irgendwie klareren Aufgaben.

      • wie konnte ich vergessen, dass die enkelin mit der grossmutter auf bienli-shoppingtour war 🙂
        über das perfekte aufräumen unterhalte ich mich dann gerne mal mit dir bei einem komfortablen kafi.

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