Fünf vor zwölf

Ich habe bis um fünf vor zwölf durchgehalten. Die Kinder hatten den ganzen Morgen durch immer wieder gestritten. Kaum hatten sie ein Spiel angefangen, fing entweder die perfekte Tochter an, Befehle zu erteilen, die der perfekte Sohn nicht befolgen wollte – oder er erprobte seine neue Fertigkeit der kleinen, verbalen Sticheleien, auf welche sie hyperallergisch reagiert. Dann wurde es laut und lauter und spätestens nach einer Minute folgte der in meinen Ohren wahnsinnig vorwurfsvolle Ruf der perfekten Tochter: „Maaaaamiiiiiiii! Er het…“ Dazu muss ich noch sagen, dass ich mir auferlegt habe, mich so wenig wie möglich in die Streitigkeiten meiner Kinder einzumischen und zu dulden, dass es welche gibt und dabei zu glauben, dass Geschwisterstreit gut für die soziale Entwicklung der Kinder ist. Das ist schwierig für mich, ich habe es gern harmonisch und nicht allzu laut, und es wird nicht leichter durch den Anspruch der perfekten Tochter, dass ich die Schiedsrichterin für alle Fälle sein soll, die sich dann bitteschön auch noch auf ihre Seite zu stellen hat.

Daneben putzte ich das lange vernachlässigte Haus, eine Tätigkeit, die auch nicht unbedingt für perfekte Laune sorgt – aber eben, ich habe es geschafft. Habe mich fast nicht aufgeregt, bin fast nie laut geworden, habe manchmal vermittelt und manchmal abgelenkt und manchmal verkündet, es gehe mich nichts an.

Der Morgen war schon fast um und ich am Kochen. Die Phase, in der alles miteinander auf dem Herd steht und noch eine Zutat fehlt, die im Keller ist, und der unglaublich blöde Verschluss der neuen Packung nicht aufgeht – da fragte der perfekte Sohn: „Wo is mini Smarties-Büchs?“ Etwa diejenige, die er vor ca. drei Wochen genüsslich zerknüllt und dann in den Abfall geworfen hatte? Ich fragte nach, ja, genau diese. Auf meine Antwort hin, die sei im Abfall, öffnet er den Abfalleimer. „Doch nicht mehr hier! Die ist schon lange weg!“ Daneben die perfekte Tochter: „Was wott er? Meint er das? Mami, was het er gseit?“ Der Sohn: „Aber i bluche mini Smarties-Büchs!“ Nein, diesmal stand mir der Sinn nicht nach der Frage nach dem Warum. „Sie ist weg. Und du musst da auch weg, ich bin am Kochen!“ Aber nicht in diesem Ton mit dem perfekten Sohn! Jetzt musste er noch viel mehr in der Nähe sein, möglichst nahe bei den heissen Herdplatten. Und als ich ihn davon jagte, kam ihm in den Sinn, dass er jetzt gerade an meinem Computer etwas schreiben müsse. „Nein! Ich bin am Kochen! Du kannst jetzt nicht an den Compi!“ Es war dann die nächste Forderung, ich weiss nicht mal mehr welche, die das Ende meiner guten Morgenbilanz war. Ich schrie ihn an. Keine Ahnung, was ich sagte, aber laut war es und vollkommen unbeherrscht. Die Art Anschreien, bei der ein kleiner Teil von mir von aussen zuschaut und den Kopf darüber schüttelt, dass man wegen dem Gestürm eines Kindes so ausflippen kann. Schade, ich hätte es gern ganz geschafft.

Und jetzt zurück zu Jesper Juul! Was sagt der gute Mann in einem Interview mit „Zeit online“?

Eltern fragen mich ständig: Ist es erlaubt, Kindern gegenüber laut zu werden? Natürlich ist es das, man darf heulen, schreien, alles Mögliche. Kinder brauchen lebende Eltern. Sie brauchen keine Schaufensterpuppen

Ich glaube, langsam wird es Zeit für mich, ein Buch von ihm zu lesen.

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