Luusmuus und Knuddelbär

Herbstzeit ist Büechlizeit, noch mehr als sonst. Nebst eigenen Bilderbüchern und solchen aus der Bibliothek, sind auch die Familien-Fotobücher sehr beliebt.

„Wo ist das Buch, in dem ich ein Bebe bin?“ – „Wie alt war ich, als ich das erste Mal Schlitten gefahren bin?“ Ich schaue und lächle. Unsere Luusmuus, zweijährig, im Shirt mit dem entsprechenden Aufdruck, den Schalk in den Augen und Mamis Theater-Hippie-Hut auf dem Kopf. In Regenkleidern, mit dem Wasserschlauch in der Hand, die Fotografin anspritzend. Mit Papis Schuhen an den Füssen oder dem Bäbi-Pullover als Kopfschmuck. So eine herzige, kleine, rundum perfekte Maus! Oder?

Was man auf den Fotos nicht sieht: Die unzähligen Sitzstreiks auf dem Trottoir, weil sie unter keinen Umständen auch nur noch einen Schritt gehen mochte. Die Schreianfälle inkl. sich-zu-Boden-schmeissen mitten im Spar. Auch ab und zu ein „du blöds Mami!“

Dann die Fotos vom perfekten Baby-Sohn mit seinen strahlend blauen Augen und dem unwiderstehlichen Lächeln. Halb schlafend auf Mamis Armen, am „Turnen“ mit Papi, staunend auf dem Schoss seiner perfekten Schwester. Ein einfach nur perfekter kleiner Knuddelbär!

Aber da waren auch die abendlichen Schreistunden, die hunderttausend nächtlichen Schlafunterbrüche, die Nonstop-Tage mit einem warum-auch-immer schlecht gelaunten Babyboy.

Ja, ich bin mir bewusst, dass damals nicht alles perfekt und leicht war und doch schaue ich die Fotos dieser Kinder an und bin einfach nur stolz, dankbar und glücklich. Und dann drehe ich mich um und sehe sie, wie sie heute sind:

Luusmuus und Knuddelbär hinter meinem Bürostuhl am Boden, inmitten von Papier, Stiften und Malbüchern, eifrig und vertieft am Arbeiten. Ich bin sicher, würde ich dieses Foto im Fotobuch anschauen, käme das stolze, dankbare und glückliche Lächeln sofort. Die offenen Filzstifte? Das gelegentliche Geschrei, weil Beide das Gleiche wollen? „Mami…“ in regelmässigen Abständen (das wäre dann auch der Grund, warum dieser Text evtl. zuweilen etwas wirr ist)? Dass ich eigentlich seit einer halben Stunde halbherzig versuche, sie für eine Outdoor-Aktivität zu gewinnen? Das würde man auf dem Foto nicht sehen und ich würde es ausblenden oder zumindest im Rückblick für unwichtig halten. Wichtig sind die roten Bäckchen, das glückliche Kreativ-Sein, die wunderbar-wertvolle Geschwisterbeziehung.

Er hilft mir im Alltag, der stolze, glückliche, dankbare Foto-Blick und ich gebe mir Mühe, ihn mir immer wieder in Erinnerung zu rufen und hinter den manchmal anstrengenden kleinen Menschen die herzige Luusmuus und den hinreissenden Knuddelbären durchschimmern zu sehen.

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